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Wenn nun der Hund versuche, seinem Herrn zu folgen, reiße er die Wurzel aus dem Erdreich, erliege jedoch unmittelbar darauf dem Tod, stellvertretend als Opfer für seinen Herrn, der nun gefahrlos von der kostbaren Pflanze Besitz ergreifen könne. Das Verfahren sei zwar kompliziert, aber immerhin Mühe und Kosten eines Hundes wert, da die Pflanze die Fähigkeit besäße, Dämonen auszutreiben; die träten nämlich panikartig die Flucht an, sobald die Wurzel auch nur in die Nähe der besessenen Menschen gebracht würde.

Nicht ganz unbegründet ist auch die Behauptung Josephus, daß die Pflanze in der Dunkelheit leuchte. Unter bestimmten Wetterbedingungen kann es vorkommen, daß sich kleine chemische Teilchen aus dem Nachttau und der Oberfläche der Beeren miteinander verbinden und einen schwachen Lichtschimmer erzeugen. Ein ähnliches Phänomen kann man in warmen, nördlichen Sommernächten bei Blaubeeren beobachten.

Einige Generationen später fügte Aelian neue Einzelheiten in das bisherige Bild ein(8): Die Mandragora ist tagsüber unsichtbar, weil sie sich zwischen anderen Pflanzen versteckt. Nachts scheint sie jedoch wie ein Stern in der Dunkelheit, und man kann deshalb die Stelle, an der sie wächst, kennzeichnen und somit am nächsten Tag mit Sicherheit sagen, welche Pflanze die Alraune ist, selbst wenn sie haargenau wie ihr unschuldiger Nachbar aussieht. Sodann bindet man einen hungrigen Hund an der Wurzel fest und entfernt sich, nachdem man noch ein wohlriechendes Stück gebratenes Fleisch knapp außer dessen Reichweite plaziert hat. Das hungrige Tier wird daraufhin hastig versuchen, an das Fleisch zu gelangen, muß jedoch in dem Augenblick sterben, in dem es die Alraune aus der Erde reißt. Seine Leiche sollte am ehemaligen Standort der Pflanze begraben werden und eine Beerdigungszeremonie zu Ehren des Tieres stattfinden, das ja sein Leben dafür geopfert hatte, daß sein Herr in den Besitz der Alraune gelangen konnte. An anderer Stelle steht geschrieben, daß der Hund nicht unbedingt sterben müsse; nur wenn er den ersten der vorher erwähnten Kreise um die Pflanze betrat, war sein Schicksal besiegelt. Nicht allzu lange sollte jedoch den Hunden diese Gnadenfrist beschieden sein, da es nämlich bald hieß,

daß die Alraune jedesmal, wenn sie ausgerissen wurde, einen solch markerschütternden Schrei von sich gab, daß jeder, der ihn hörte, vor lauter Entsetzen sterben mußte. Von da an wurden nur noch schwarze Hunde dazu verwendet, sie aus der Erde zu ziehen. Diese standen ja schon von Anfang an unter einem schlechten Stern, da ihnen der Schöpfer wohl kaum eine so unheilverkündende Farbe gegeben hätte, wenn sie nicht bösartige Tiere gewesen wären, die sehr wohl verdienten zu sterben.

Mit der Zeit geriet die Alraune selbst mehr und mehr in den Ruf, ein bösartiges Lebewesen zu sein, da ihre Gestalt der menschlichen sehr ähnlich war. Wie es im einzelnen zu dieser Auffassung kam, ist nicht bekannt. Ein Beitrag dazu mag wohl die Legende von Jasons Drachenmenschen gewesen sein; die wichtigste Quelle bildet jedoch eine Geschichte aus frühchristlicher Zeit. Aus dieser geht hervor, daß die Alraune ursprünglich eine Vorstudie für den späteren Menschen gewesen sei, die jedoch von Gott wieder verworfen wurde, nachdem er Adam aus dem roten Erdreich des Paradieses geschaffen hatte(9). Und der Grund, weshalb die Pflanze so selten zu finden sei, liege darin, daß sie es immer noch bevorzuge, in der Nähe des Gartens Eden zu wachsen, der weit weg, auf der Spitze eines mächtigen Berges irgendwo in unbekannten Landen des Ostens liegt.(10)

Diese interessante Erzählung konnte die Menschen nördlich der Alpen jedoch nicht davon abhalten, die Mandragorapflanze in ihren Gärten anzupflanzen. Neue Überlieferungen verbanden sich mit ihr, vor allem in deutschen Gebieten, einige der alten wurden als Aberglauben abgetan und gerieten in Vergessenheit; vielleicht wurden sie zuvor aber noch niedergeschrieben und blieben auf diese Weise bis in unsere Zeit erhalten. Eine grundlegende Neuerung im Volksglauben stellte die Auffassung dar, daß die Alraune, die inzwischen auch unter dem Namen Galgenmännchen und Drachenpuppe(11) bekannt war, nur am Fuße eines Galgens wachsen könne und dort wiederum nur an der Stelle hervorsprieße, an ,der die Erde vom Urin oder vom Sperma eines

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