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Gehängten benetzt wurde. Gleichzeitig wurde jedoch betont, daß nicht etwa das Getröpfel eines jeden hergelaufenen Galgenvogels die Kraft besäße, eine Alraune zu produzieren. Vielmehr mußte der Gehängte ein Mensch gewesen sein, den die Dänen als (wörtlich übersetzt) reinen Jüngling bezeichneten, was im Deutschen ungefähr mit Erzgauner wiederzugeben wäre; dieser Erzgauner hatte seine Diebesnatur schon im Mutterleib erworben und nie etwas anderes als Stehlen gekannt.(12) Wie alles, was mit Verbrechen, Folter und Tod zu tun hat, rankt sich auch um eine Hinrichtungsstätte Rätsel und Entsetzen. Und so war es auch nicht unbedingt jedermanns Geschmack, sich zum Galgenhügel hinauszuwagen, um die Alraune aus demselben Erdreich auszugraben, das auch die faulenden Überreste von Schurken beherbergte, die entweder gehängt, geköpft oder auf dem Streckbrett zu Tode gefoltert worden waren. Den meisten Leuten, die in den Besitz einer Alraune gelangen wollten, wäre es wohl deshalb lieber gewesen, sie käuflich zu erwerben. Eine neue Mandragora kostete eine Menge Geld, was aber in Anbetracht ihrer Herkunft und der ihr zugeschriebenen Eigenschaften nicht weiter verwunderlich ist. Sie machte ihren Besitzer unverwundbar im Kampf und sicherte ihm absolute Treffsicherheit beim Gebrauch der Waffen. Sie befreite ihn von allen Leiden und erwies sich vor allem gegenüber jenen als besonders wirkungsvoll, die er auf dem Schlachtfeld der Liebe erobert hatte. Sie half ihm, verborgene Schätze zu entdecken, so daß er schnell reich wurde, bei seinen Mitmenschen hohes Ansehen genoß und erfolgreich in der Liebe war, da ja keine Frau der zwingenden Macht der Alraune widerstehen konnte.

Ein Glücksbringer, der all dies und noch mehr bewirken konnte, mußte natürlich mit der größtmöglichen Sorgfalt behandelt werden, andernfalls würde er wirkungslos oder sogar gefährlich. Der alte Haß gegen die Menschheit, aus der Gnade Gottes verdrängt worden zu sein, war ja immer noch in der Alraune wach. (Dieser Aberglaube schien auch völlig unbeeinflußt von der Tatsache weiterzuleben, daß die Mandragora der Galgenvögel wohl kaum viele Gemeinsamkeiten mit der des Gartens von Eden aufzuweisen hatte.)

Eine neuerworbene, Mandragora sollte man zuerst in Wein baden und dann, in rote und weiße Seide gewickelt, mit einem schwarzen Samtumhang bedecken. Von nun an sollte sie an jedem Wochentag gebadet und gefüttert werden, wobei allerdings erhebliche Meinungsverschiedenheiten darüber bestanden, was die Mandragora zu essen bekommen sollte. Die Mehrheit neigte zu der Ansicht, daß es genüge, wenn sie die Hostie bekäme, die man selbst, beim Gang zum Altar, absichtlich nicht hinuntergeschluckt hatte. Andere wiederum meinten, daß eine Portion Fastenspeichel genau das sei, was die Mandragora am liebsten mochte; das gebildete Volk wiederum beharrte auf der Ansicht, daß sie vor allem mit der roten Paradieserde gefüttert werden müsse, der ja sie selbst, ebenso wie ,wir und die gesamte Vielfalt der Schöpfung entstamme. Diese Auffassung ist jedoch wohl schwerlich in Einklang damit zu bringen, daß die Alchimisten des Mittelalters gerade deshalb so versessen auf die Alraune waren, weil angeblich nur sie diese einzigartige Erde enthielt, die sie bei der Herstellung des Steines des Weisen dringend als Katalysator benötigten.

Manchmal kam es vor, daß eine Drachenpuppe ihres Besitzers überdrüssig wurde, ganz gleich wie gut er sie behandelt hatte. In einem solchen Fall hörte sie einfach auf zu funktionieren, und dann war es besser, sie auf der Stelle zu verkaufen, weil sie sonst bösartig wurde und Unglück hervorrief. Darüber hinaus mußte wohl auch jedem, der sich eine Mandragora hielt, mit der Zeit unbehaglich zumute werden, da es ja eine gefährliche Sache ist, sich mehr Glück angeeignet zu haben, als einem eigentlich zusteht. Es bedeutet eine Sünde, weil es anderen notgedrungen Leid zufügen muß, da nur eine ganz bestimmte konstante Summe an Glück und Zufriedenheit in der Welt existiert: wen man sich also einer zuviel davon nimmt, wird ein anderer zuwenig davon haben. Eine Alraune wieder loszuwerden, konnte zu einem schwierigen Unterfangen ausarten, vor allem, wenn sie alt war und schon vielen Herren gedient hatte. Ihr ging es dabei wie Cyprianus - sie konnte nicht einfach weggegeben werden, sondern nur weit unter dem ursprünglichen Einkaufspreis wiederverkauft werden. Wenn ihr Preis dann bis zum Wert des geringsten Geldstückes, das im Reich existierte,

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