|
Wenn die Sonne ins Meer taucht und sich die Dunkelheit dumpf
und bedrohlich auf das Land senkt, beginnt sich das Kräfteverhältnis
zwischen Gut und Böse zu verändern. Während tagsüber
Gott, die himmlischen Heerscharen und das Menschengeschlecht regieren,
schwärmen, sobald das Abendläuten die Sonne zum
Untergehen gebracht hat, alle möglichen Kreaturen aus der Welt
des Bösen hervor - ungeweihte Tote steigen aus ihren Gräbern
auf, Dämonen, Gnome und Elfen kriechen aus ihren Verstecken
hervor. Am schlimmsten jedoch ist, daß es selbst unter den
Menschenwesen Verräter gibt, nämlich Hexen und Magier, die im
Pakt mit dem Teufel und dessen Gefolgschaft nachts die Herrschaft übernehmen,
bis die ersten Sonnenstrahlen den Kräften des Guten zu Hilfe eilen
und die Menschen in angemessener Sicherheit ihren Geschäften
nachgehen können.
Genauso stellten sich die Menschen in der Vergangenheit die Dualität
zwischen Natur und menschlicher Existenz vor, und ein Teil dieser
Auffassungen reicht sicherlich bis in die heutige Zeit hinein. Von daher
kommt es wohl auch, daß uns bei Sonnenfinsternissen immer noch eine
vage Unruhe befällt oder daß wir jeden mißtrauisch beäugen,
der bis spät in die Nacht hinein arbeitet. Wir bestehen, wenn vielleicht
auch unbewußt, darauf, daß die Grenze zwischen der Welt des
Lichts und der Dunkelheit gewahrt bleibt, weil noch die vage Ahnung in uns
Steckt, daß eine Änderung dieses Kräfteverhältnisses
unvorhersehbares Unglück heraufbeschwören könnte.
Unsere Vorfahren waren davon überzeugt, daß das
empfindliche Gleichgewicht zwischen Gut und Böse nur dadurch
aufrechterhalten werden konnte, daß alle, ohne Ausnahme, in ihrem
Glauben beständig blieben. Krieg, Pest und Hungersnot - alles Zeichen
des erhobenen Zeigefingers Gottes - verwüsteten das Land mit solcher
Regelmäßigkeit, daß man deshalb den Hexen einen Großteil
der Schuld in die Schuhe schieben mußte, da sie ja sowohl im Bereich
des Lichts als auch der Dunkelheit heimisch waren. Von daher wird es auch
verständlich, daß man alles versuchte, sie zu unterdrücken,
was sich jedoch als schwierig erwies, da die Hexen lieber unbekannt blieben
und auch ausgesprochen gut organisiert waren, um besser geschützt zu
sein und ihre Taten mit größerer Sorgfalt durchführen zu können.
Genauso wie christliche Gemeinschaften immer hierarchisch gegliedert
waren, mit Kaiser und Papst an der Spitze und Leibeigenen und Bettelmönchen
auf der untersten Stufe, und genauso wie die Herrscher der Hölle
Untertanen hatten, die vom Erzteufel bis zum jämmerlichsten, ja fast
bedauernswerten kleinen Kobold reichten, bildete sich im Laufe der Zeit in
den Hexenzirkeln eine hierarchische Ordnung heraus, an deren Spitze ein
europäischer Hexen-Papst stand, dem alle Hexen zu Gehorsam
verpflichtet waren. Dessen unmittelbarer Vasalle, der Große
Hexenmeisters, befahl über die Hexenzirkel in den verschiedenen Ländern,
die ihrerseits wieder je von einem ortsansässigen Zauberer geführt
wurden.
Man kann ab der Antike verfolgen, wie die Umrisse dieses zunächst
noch recht wundersam anmutenden Phantasiegebildes mehr und mehr an
Gestalt gewinnen, angefangen vor allem beim Goldenen Esel. In dem
Apuleius (ca. 123 v. Chr. - ?) ein klar umrissenes Bild der Hexen und ihres
Unwesens zeichnet, bis hin zur ausgefeiltesten Darstellung im Malleus
maleficarum, dem Hexenhammer( aus dem Jahre 1486, geschrieben von
den Dominikanermönchen Heinrich
Kramer und Jacob Sprenger), und in den folgenden Jahrhunderten überaus
eifrig von all denen zu Rate gezogen, die auch nur im entferntesten etwas
mit Hexenverfolgung zu tun hatten.
Als zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal
wissenschaftliche Methoden zur Erforschung der Geschichte der Hexenkunst
eingesetzt wurden, gelangte Jacob Grimm zu der Theorie, daß die
Wurzeln der Hexenkunst in der heidnischen Mythologie der Germanen lägen.
Soldan, ein weiterer deutscher
Gelehrter,vertrat die Auffassung, daß die Ursprünge in der alten
griechisch-römischen Kultur zu suchen seien. Aber weder diese noch
irgendwelche andere Theorien, die zu diesem Zeitpunkt entwickelt wurden,
vermochten die Hexen mit einer Daseinsberechtigung auszustatten.
Erst der Ägyptologin Dr. Margaret
Murray gelang es, dem bis dahin
noch dürren ideologischen Skelett der Hexenkunst lebendige Gestalt zu
verleihen. Ihrer Meinung nach verehrten die Hexen ursprünglich den
gehörnten Gott
Cernunnos (1), einen heidnischen
Fruchtbarkeitsgott der Antike. Weiterhin behauptete Dr.
Murray, daß die Hexen diese
Verehrung aufrechterhalten hatten, und zwar sowohl über die
Jahrhunderte hinweg, in denen zwar noch heidnische aber dennoch schon mit
hochentwickelten mythologischen Aspekten durchsetzte Vorstellungen
herrschten, als auch bis weit insZeitalter des Christentums hinein. Dies
war auch wirklich keine allzu abwegige Theorie, zumal Parallelen dazu
bekannt sind: eine ganze Anzahl Naturgottheiten des Steinzeitalters lebt
heute noch im Aberglauben südeuropäischer Völker weiter.
Demnach ist die weiter oben geschilderte Dualität nichts anderes als
- die Fortsetzung animistischen Glaubens bis ins Zeitalter des
Christentums hinein. Am Anfang wurden deshalb auch Dr.
Murray Theorien mit Begeisterung
aufgenommen, lieferten sie doch ganz offensichtlich recht plausibel
klingende Erklärungen für viele bis dahin noch unbeantwortete
Fragen über Geschichte und Wesen der Hexenkunst - so zum Beispiel
auch, warum sich die Hexen zu bestimmten Zeiten des Jahres auf dem einen
oder anderen der vielen europäischen Sabbat-Berge treffen mußten,
dem Brocken, dem Hekla in Island, sowie Blakulla, Lyderhorn, Tromskirke
und vielen anderen - jenachdem welcher Nation sie angehörten, hatten
die Hexen ihre entsprechenden Treffpunkte.
Ebenso wurde klar, daß es die Hexenzirkel, deren Existenz
von alten Hexenjägern zwar schon vermutet worden war, auch wirklich
gegeben hatte - Dr. Murray
behauptete nämlich, daß die Hexen in eben diesen kleinen Zirkeln
von jeweils 13 Mitgliedern weiterhin den Kult der alten Religion
praktizierten. Hieraus ergab sich wiederum eine Erklärung für die
auffallende Einheitlichkeit, die im Hexenwesen aller Länder herrscht -
die Verehrung Cernunnos hatte sich nämlich in alten Zeiten über
ganz Europa erstreckt.
|
Leider wurden diese faszinierenden Theorien, ebenso wie die
Untersuchungen des Religionswissenschaftlers Emanuel
Linderholm
(2),von späteren
Wissenschaftlern auf das heftigste umstritten. Diese Kritik mag sich zwar als
wertvolles Korrektiv für die manchmal etwas zu lebhafte Phantasie Dr.
Margaret Murrays erwiesen haben,
dennoch vermochte sie es nicht, Murrays
oder
Linderholm grundsätzliche
Theorien, die sich im großen und ganzen decken, zu erschüttern.
Es ist zweifelhaft, ob es je möglich sein wird, ein vollständiges und
klares Bild über den Ursprung des Hexenkults zu erhalten, oder
eine letztendliche Übereinstimmung über das Ausmaß seiner
Organisation zu erzielen; der Beweis für eine Organisation auf nationaler
oder gar europäischer Ebene kann mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit
nicht erbracht werden. Dies sollte jedoch nicht dazu verleiten, es den
eifrigsten Gegnern Dr. Murrays
gleichzutun und die Existenz der Hexenzirkel gänzlich in Zweifel zu
ziehen - die Ergebnisse einer großen Anzahl sorgfältiger
Forschungen beweisen nämlich unzweifelhaft, daß es die Zirkel
wirklich gegeben hat. Das einzige, was jedoch ohne die Gefahr, Widerspruch
zu ernten, über die Geschichte der Hexen gesagt werden kann, ist, daß
sie sowohl heidnische als auch geheime christliche Traditionen
(3) weiterführten, daß sie
Wissen um die geheimnisvollen Kräfte der Natur ererbt hatten und daß
sie - häufig zu Recht - angeklagt wurden, diese Kräfte zum Schaden
ihrer Mitmenschen einzusetzen. Die Entwicklung ihrer Naturkenntnisse
ist weitaus besser nachzuzeichnen als ihre Verbindung zu den verschiedenen
religiösen Weltanschauungen. Sowohl Hexen als auch Mönche
führten die alte Praxis der Kräuterheilkunde weiter, wohlgemerkt
aber oder aus seinem eigenen Gebiet. In den Klostergärten wurden
hauptsächlich die Heilpflanzen angebaut, die schon seit Hippokrates
und Galen in Gebrauch waren. Demgegenüber enthielt der Kräutergarten
der Hexe zwar vielleicht ein paar dieser Pflanzen, ansonsten aber Kräuter,
vor denen die Heilkundigen alter Zeiten in beinahe übereinstimmender
Weise gewarnt hatten und die ganz früher nur von Zauberern und
Giftmischern verwendet wurden. Es ist wohl kein Zufall, daß das alte
lateinische Wort für Giftmischer im Femininum
venefica mit der Zeit in den romanischen Sprachen speziell die
Bedeutung Hexe erhielt.(4)
Unsere Vorfahren fürchteten Hexen sicherlich auf Grund ihres
angeblichen Pakts mit dem Teufel und ihrer daraus resultierenden Arglist,
gleichzeitig - vor allem auch deshalb, weil sie Giftmischungen und
narkotisierende Mixturen an jeden verkauften, der sie kaufen wollte und
das nötige Kleingeld dafür besaß. Dies konnte zum
Beispiel ein junger Mann sein, der schneller an sein väterliches Erbe
gelangen wollte, als es durch den natürlichen Gang der Dinge
vorgesehen war, oder eine Frau in ungewollt glücklichen Umständen
oder ein Verführer, der ein sich sträubendes Opfer betören
wollte. Diese Aspekte des Hexenwesens bzw. die Aktivitäten, mit
denen die Hexe ihren Lebensunterhalt bestritt, sind nicht nur für
sich genommen interessant, sondern auch gleichzeitig deshalb, weil sie recht
auffällige Beispiele für die Ähnlichkeit zwischen den
Vereinigungen der Hexen und anderen geheimen Orden und Sekten liefern.
Der Templerorden zum Beispiel, der in umfangreiche Handels- und
Finanzgeschäfte verwickelt war, wurde von seinen Feinden bezichtigt,
Wuchergeschäfte zu treiben. Die Freimaurer waren während der
ersten Jahrhunderte ihres Bestehens Baumeister und Architekten. Von
den Rosenkreuzern heißt es, daß sie berufsmäßige
Alchimisten und Astrologen waren. Selbst heutzutage trifft man auf
kriminelle Gruppen, die Überfälle verüben, nur um finanziell
über die Runden zu kommen, oder auf arabische Terroristen, die mit
erfolgreichen Flugzeugentführungen Millionen verdienen, oder auf die
den Hexen wohl recht nahestehenden Mitglieder der Manson-Familie, die, während
sie auf die Rückkehr ihres teuflischen Propheten warteten, vom
Geldbeutel ihrer Gönner zehrten. Überall und zu allen Zeiten hat es
Gruppen außerhalb der etablierten Gesellschaft gegeben, die sich, jede
in dem ihr gemäßen wirtschaftlichen Betätigungsfeld, auf
zwielichtige oder kriminelle Geschäfte oder eine Mischung aus beiden
spezialisiert hatten. Die Betätigung der Hexen als Giftmischerinnen
und Quacksalberinnen, die unzweifelhaft bestanden hat, kann als indirekter
Beweis dafür genommen werden, daß es irgendeine Form von
Hexenorganisation wirklich gegeben haben muß und nicht nur
einPhantasiegebilde der übersteigerten Einbildungskraft der Menschen
im Mittelalter war. Sicherlich wäre es auch interessant gewesen,
in dem vorliegenden Buch die verschiedenen Aspekte der Kräuterkenntnisse
und der medizinischen Zauberkunst der Hexen zu untersuchen. Leider mußte
ich aus Platzgründen das Thema auf das beschränken, was aus
dem Inhaltsverzeichnis ersichtlich wird; doch
selbst innerhalb dieser Beschränkung hätte ich die Arbeit wohl
kaum in Angriff genommen, wenn mir nicht andere dabei geholfen hätten.
Ich möchte ihnen deshalb an dieser Stelle aufrichtig danken.
Für die Bereitstellung von Informations- und
Dokumentationsmaterial gilt mein besonderer Dank den Mitgliedern der New York
Botanical Garden Library, der Universitätsbibliothek in Kopenhagen,
der Botanischen Zentralbibliothek und der Königlichen Bibliothek in
Dänemark, sowie Professor Dr. Helmut Möller in Göttingen
und Hal Goldmann und Peter Meloncy aus Lindos in Griechenland. Für
die große Hilfe und Ermutigung während der Fertigstellung des
Manuskripts bedanke ich mich bei Nanna und Volmer Christensen, Sven
Langkær, Elisabet Nordbrandt, Henrik Nordbrandt, Preben Major Sörensen
und - last not least - bei meiner Frau Jeanne und unsrer Tochter Gladys
Ingrid.
H. A. Hansen
|