Der Hexengarten

Wer von uns erinnert sich nicht an die Mischung aus Staunen und Entsetzen, die er als Kind empfand, als er zum ersten Mal in seinem Leben ein Märchen der Gebrüder Grimm oder von H. C. Andersen hörte, das von einer Hexe erzählte, die in einer abgelegenen, finsteren Hütte lebte, inmitten eines verwilderten Gartens, wo Gift- und Zauberpflanzen mit alten, knorrigen Bäumen um die Wette wucherten. Die Hexe und ihre Behausung existierten jedoch außer im Reich der Phantasie nie in dieser Form - in Wirklichkeit lebte sie nämlich Seite an Seite mit den Bauern im Dorf. Sie wagte aber nicht, wie die alten Mönche und Kräuterheilkundigen einen Garten anzulegen, in dem sie ihre Kräuter planmäßig hätte anbauen können, vielmehr sammelte sie die Pflanzen, die sie verwenden wollte, entweder an den Stellen, wo sie wild wuchsen,-oder sie baute sie heimlich an verborgenen Plätzen (1) an. Diese zerstreut liegenden Anbaugebiete der Hexe erinnern an die Aufteilung alter Gehöfte, die sich häufig auf die gleiche Weise aus weit auseinanderliegenden Feldern, Wiesen und Torfstechgebieten zusammensetzten. So betrachtet, kann man wohl beruhigt von einem Hexengarten sprechen, obwohl er eigentlich auf ein Dutzend oder mehr Stellen in der näheren Umgebung verstreut war.

Ich will nun in den folgenden Kapiteln eine kleine Anzahl von Pflanzen behandeln, von denen mit Sicherheit festgestellt worden ist, daß sie in weiten Teilen der alten Welt während Tausenden von Jahren von Hexen und Giftmischern eingesetzt worden sind; vor allem wurden sie auch in den Flugsalben verwendet, mit denen sich die Hexen einrieben, bevor sie sich auf die Reise zum Sabbat begaben. Darüber hinaus werde ich noch eine Anzahl von Pflanzen besprechen, die zwar im Anbaugebiet der Hexe wuchsen, jedoch an so abgelegenen Stellen, daß sie sich nur ab und zu auf die Suche nach ihnen machte.


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© H. A. Hansen