Abenteuer Amerika - zwei Semester in Missouri
29.Februar 1996
Abenteuer Amerika
Zwei Semester in Missouri
Tagebuch - chronologisch geordnet
Dezember 1995
Die beiden letzten Vorlesungswochen. Paper-, Project- und Presentation-Deadlines.
Die letzte Woche ist die 'Final Week': da werden alle Abschlußklausuren
geschrieben.
- 1.12.195: Heute sind Vorlesungen, ich arbeite mit
Hochdruck am Journalism-Project und an
Oracle Forms, einem User-Application Designer
für die Oracle-Datenbank, von dem man in der hiesigen Situation leider
nur sagen kann, daß er auf IBM-Kompatiblen mit wenig Speicher
(14 MB), 640x480 Punkten Bildschirmauflösung und alten Mäusen
einfach unbenutzbar ist.
Abends ist 'Abschlußball' des Tanzkurses, und nachdem wir beim
Dekorieren des Ballraums helfen durften, bekommen wir noch ein paar
Schritte gezeigt. Der Ball findet in der Lounge von North Memorial Union
statt. Sarah Samson taucht überraschend auf (allerdings wollte sie
studieren, nicht tanzen), Sebastian, Lena und viele andere Bekannte.
Um elf Uhr nachts ist schluß, und ich gehe wieder ins Computerlab.
- 2.12.195: Arbeiten am
Journalism-
Project
von 11:30-16:30. Danach radele ich Einkaufen bei Osco und Aldi für
die Glühweinparty. Es soll Bratäpfel,
Kekse, Chips und Glühwein geben. Außerdem kaufe ich eine
vierzehn Meter lange Lichterkette mit 100 Lämpchen für
sage und schreibe $2.99. Mike, Susanne, Gerald, Nicole, Sebastian und
zwei Russen kommen vorbei, wir trinken Glühwein, quatschen und
spielen.
- 3.12.95: Morgens fahren Gabi und ich zum Waschen im
Waschsalon, und danach arbeite ich ab 12 Uhr im
Computerlab an meinen Projekten.
- 4.12.95: Vorlesungen, arbeiten am Journalism-Project
und mit Oracle-Forms für die morgige Vorführung von
End-User-Forms für unsere Datenbank. Die Computerlabs sind
rammelvoll, scheinbar hat jede/r diese Woche einige Papers oder Projects
fertigzumachen. Ich muß eine halbe Stunde Schlange stehen, bis ich
einen PC für die Arbeit mit Oracle Forms bekomme. Währenddessen
unterhalte ich mich mit Amanda, die letzte Korrekturen an ihrem
New-Media-Paper vornimmt.
Das Wetter der letzten Tage spinnt: es ist so warm, daß man
abends im T-Shirt auf der Veranda sitzen kann. Die beiden Katzen
aus der Nachbarschaft besuchen uns regelmaessig.
- 5.12.95: Heute ist
Präsentationstag: nach einem Morgen voller letzter Layout-Korrekturen
an den Datenbank-Formularen führen Lim und ich unsere Forms vor.
Da ich das Schema unserer Datenbank auf das Whiteboard gemalt habe,
kann ich die endlosen Lade- und Compilezeiten von Oracle Forms ganz
gut mit Vorstellung der Datenbankkonzepte vorführen, und im
Allgemeinen haben wir weniger Durchhänger oder Probleme als ein
guter Teil der anderen Arbeitsgruppen.
Nach der Vorführung fahre ich ins Physics-Lab, um noch ein paar
Tippfehler in meinem Journalism-Projektpaper zu verbessern und noch
einmal den LaTeX-Text auszudrucken (das muß einfach sein, weil
der Großteil der eingereichten Arbeiten mit Word und dem damit
verbundenen mehr oder weniger hausbackenen Dokumentenlayout erstellt
sein wird - schließlich sollten gerade sie Journalisten einen
perfekten Schriftsatz und einen an der Semantik orientierten Schriftsatz
zu würdigen wissen.
Im Seminar bin ich dann als dritter mit der Präsentation meines
Projektes
an der Reihe, nachdem die üblichen Schwierigkeiten mit dem
an den Videoprojektor angeschlossenen Computer beseitigt sind (was
heißt, die Last-Minute-Installation von Netscape 1.2 dauert eine
Viertelstunde in die Vorlesung hinein, nach der ersten Vorführung
stürzt Netscape einfach ab (es gibt ja Gerüchte, daß
Compuserve- und Netscape-Internetsoftware unter Windows'95 besonders
häufig abstürzt), und der auf der Maschine vorhandene
WebExplorer ist so alt, daß er weder Tabellen, noch
Hintergrundgrafiken anzeigt. Schließlich installiert
Brian Brooks persönlich
den neuen WebExplorer, und so kann alles vorgeführt werden.
Das Volumen an Information über Recycling in Columbia, die
selbstgemachten Fotos und die Recherche beeindrucken einige Leute
ziemlich - scheinbar habe ich die Anforderungen wesentlich
überschätzt. Das schadet aber nicht, zumal ich vor
habe, das Project an den Digital Missourian
zu vererben, auf das eventuell mal jemand von der Information profitiert.
Nach diesem letzten Tag des Seminars radele ich nach Hause und schlafe
erst mal drei Stunden, um mich vom Streß der letzten Tage zu
erholen (und mich auf den der kommenden Tage vorzubereiten). Um
neun Uhr gehe ich zu Shakespeare's Pizza, um zu sehen, ob überhaupt
noch jemand zum Stammtisch kommt. Dabei habe ich meine Ohrstöpsel
und meine Lehrbücher. Gegen zehn Uhr kommt Gabi, und kurz darauf
Mike mit einer Freundin, die eher zufällig vorbeikamen als daß
sie zum Stammtisch wollten. Rainer ist diesmal nicht da, er ist in
Cambridge zu einem Vortrag über eine Entdeckung, die er gemacht
hat, eingeladen. Er hat Dipol-Polymere hergestellt, die scheinbar sowohl
etwas vollkommen neues in der Chemie sind als auch erhebliches
Anwendungspotential haben. Darüber wollte er vor der Patentierung
natürlich nicht so viel erzählen.
Gegen Mitternacht fahren wir alle nach Hause.
- 6.12.95: Da am Donnerstag das komplette
Project-Paper inclusive dreier Oracle-Reports abgegeben werden
muß, stehen die Aktivitäten des heutigen Tages fest.
Wegen der beiden Klausuren am Samstag lerne ich bis nachts um zwei
Uhr (die Bibliothek und die Computerlabs haben in den letzten beiden
Wochen des Semesters länger auf). Heute waren die
letzten AI- und OS-Vorlesungen, und darin haben die
Dozenten die hier üblichen
Bewertungsbögen ausgeteilt.
Gegen acht Uhr gehe ich mit Gabi ins 'Coffe Zone' zwecks kurzer
Pause, Koffein-Nachfüllens und Nikolaus-Feierns. Wir essen einen
leckeren Schokoladekuchen, und dann geht's weiter mit der Lernerei.
- 7.12.95: DBMS-Paper Deadline ist heute um ein Uhr. Das
beschäftigt mich den gesamten Vormittag: Lim kreiert ein paar
Oracle Reports (was peinvoll ist), und ich reformatiere und erweitere
das Project Paper.
Nachmittags fallen 6cm Schnee, der auch liegen bleibt. Nachts schneit es nochmal.
Die Katzen mögen den Schnee nicht und sind kaum noch aus dem Haus
zu kriegen, egal, wie oft man sie vor die Tür setzt.
Jetzt, wo die ganzen Deadlines erledigt sind (das heißt, das AI-
Project für morgen - ein LISP-Programm, das Poker-Bilder durch
Zuschauen lernt - streiche ich. Die AI-Note ist unwichtig.), kann ich
endlich mit Lernen für die Klausuren am Samstag anfangen. Das ist dann
meine Abendbeschäftigung.
- 8.12.95: Lernen, nix als Lernen. Morgen sind die beiden
Klausuren, die erste morgens um zehn. Am späten Nachmittag wird es
eisig kalt, ein Pulverschneesturm fegt über Columbia. Die Temperatur
fällt bis auf 0 Grad - Fahrenheit. Das sind ca. -17 Grad. Das
Atmen im Freien wird unangenehm, besonders beim Fahrradfahren. Gabi
hat keine Mütze dabei und unterkühlt sich den Kopf, daß
ihr schwindelig wird.
Ich fahre nach dem Abendessen noch mal in die Bibliothek, um zu lernen.
Dabei liegt der Schwerpunkt auf Operating Systems, während AI
nicht so wichtig ist, weil ich es nächstes Semester ohnehin nicht
weitermachen will.
- 9.12.95: Kleines Frühstück, Radfahrt durch
sonnige Minus 15 Grad zur Uni, ein letztes Durchlesen der Karteikarten,
dann beginnt die OS-1 Klausur. Sie ist machbar, und obwohl sie zwei
Stunden dauert, schnell vorbei. Der Stoffumfang war ok, und damit zurecht komme ich
auch.
Nach einem Hamburger und einem Becher Kaffee im Brady Food Court,
wo ich Gabi treffe, lese ich mich noch ein wenig durch die AI-Unterlagen.
Die AI-Klausur findet von drei bis fünf Uhr nachmittags (jawohl,
an einem Samstag - dem ersten Tag der finals week - statt. Die Klausur
ist nicht mal so schlimm, obwohl ich von einem Algorithmus keine Ahnung
habe und bei ein paar anderen Fragen raten muss (ist Multiple Choice
nicht dolle?). Ich gebe als erster ab, mit der Gewissheit, daß
es manchmal auch etwas bringt, zu wissen, daß man nicht mehr
weiß - es spart fast eine Stunde.
Samstag Abend ist Partytime. Erst gehen wir zu Susanne und Gerald,
einem MathematikerInnenpäarchen aus Österreich, die ihre
Abschiedsfete aus Columbia feiern (natürlich mit Glühwein -
der in Anbetracht der etwa minus 17 Grad draußen nach der Radtour
zu ihrem Appartment noch besser schmeckt).
Schließlich fahren wir gegen zehn Uhr abends ins
Flat Branch, wo
Bernhard
"Bernie" Lehmann von der Weye, einer der fünf Saarbrücker
Studierenden seinen Bekanntenkreis zwecks Abschiedsfete zusammengerufen
hat: er wird ab Januar im Rahmen eines Praktikums der School of Journalism
in Washington DC im Pressezentrum der Regierung arbeiten.
Es sind viele Leute da, es gibt Kuchen, Fotos werden gemacht, und
gegen Mitternacht, als das Flat Branch schließt, geht der
größte Teil der Gruppe 'rü'ber ins 'Contact' -
eine Schwulenbar, die unter Studierenden so beliebt ist daß ich
mir nicht so sicher bin, ob es tatsächlich noch ein Treffpunkt
für die Szene ist oder bloß ein Image.
Gabi und ich radeln nach Hause, spielen Karten, lesen Bücher und
gehen schlafen.
- 10.12.95: Den heutigen Sonntag gehe ich gemütlich an.
Die vergangene Woche war stressig genug, und heute mache ich einige
Dinge, die ich schon lange mal machen wollte. Zum Beispiel Zimmer
aufräen (habe ich schon von dem neuen Teppich berichtet? Nein?
Vergangenen Montag habe ich einen wunderbaren Teppich gefunden, nur
ein paar Häuser von unserem entfernt, beim Müll für die
montägliche Müllabholung. Nach etwas Einweichen und ordentlich
Schrubben sieht er fast aus wie neu.), Wohnzimmer umdekorieren
(die Halloween-Deko ist nun wirklich etwas alt), den Plastik-Orangenbaum
mit der Lichterkette dekorieren, eine Bodenfolie für das
Zelt
schneiden und Weihnachtsplätzchen backen. Außerdem lese ich
endlich "A mathematician reads the newspaper" fertig und fange mit
"Who owns information?" an.
Gabi fährt an die Uni zum Lernen und Schreiben ihrer Heimklausur.
Eines ihrer Final Exams hat sie als Fragenkatalog zur Bearbeitung zu
Hause bekommen - mit einem Zeitrahmen von etwas zehn Tagen unter
Benutzung aller Bücher. Das klingt eigentlich nach einer recht
vernünftigen Alternative zu einem Pauk-Schreib-Vergiss-Schema,
wie es die meisten von uns kennen. Und praxisbezogener ist es auch,
schließwird man später aller Wahrscheinlichkeit nach auch
so arbeiten im Berufsleben.
Ich lese den ganzen Abend, mache einen kleinen Spaziergang vor dem
Columbia College vorbei, welches eine recht hübsche Weihnachtsdekoration
hat: die Kanten und Zinnen der Front des Colleges sind mit Lichterketten
verziert, und schon vom Broadway aus sieht man die Konturen des Gebäudes
leuchten. Das tun auch viele Fraternities und Sororities - dort entbrennt
ein richtiger Wettkampf um die originellste Dekoration: rotierende
Lichtersäulen usw. allerorten.
- 11.12.95: Ich rahme Dias, lese Bücher, gehe in
Fotogeschäften nach leichten, kleinen Stativen schauen, versuche,
einen Haarschnitt zu bekommen (was erst am Mittwoch passieren wird, weil dem
Friseursalon übers Wochenende die Wasserleitungen eingefroren
sind) und fahre gegen drei Uhr mittags an die Uni. Natürlich
waren die Katzen heute beide wieder da (sie hatten sich wegen der
extremen Kälte übers Wochenende wohl nicht vor die Tür
getraut).
Am Abend habe ich mich zum Kauf des 'richtigen' Stativs anstelle des
Ministativs entscheiden und gehe es kaufen. Es wiegt nur ein
Kilogramm, kann aber zu voller Höhe ausgezogen werden und macht
einen guten Eindruck. Der Preis von knapp dreißig Dollar ist
in Ordnung, und dank einer etwas unscharfen Definition von Dingen, auf
die es die zehn Prozent Studentenrabatt gibt, erhalte ich sie auch auf
das Stativ. Natürlich drehe ich gleich eine Runde ums Columbia
College, um das Stativ zu testen und ein paar Fotos der Weihnachtsbeleuchtung
zu machen.
Am Abend lese ich, Gabi lernt und die restlichen BewohnerInnen mit
Anhang (Chris' Freundin ist inzwischen mehr oder weniger Dauerbewohnerin -
so dolle scheints in ihrer Sorority auch nicht zu sein) spielen Karten.
- 12.12.95: Lernen und Tagebuch nachschreiben und Ausformulieren
der Stichworte der letzten 10 Tage sind meine Hauptbeschäftigungen
heute.
- 13.12.95: Noch einen Tag bis zur DBMS-Klausur. Keine
Lust mehr zu lernen. Gabi geht Einkaufen, ich auch. Ich verschicke ein
paar Weihnachtsbriefe, lese Mail und lerne abends noch eine Stunde.
Dazwischen rufen wir alle unsere Bekannten an, um sie für eine
Weihnachtsfeier - das heißt, Glühwein machen und Spielen
oder so - am Freitag abend einzuladen.
Es herrscht verdächtige Ruhe im Haus, bis ich 'rauskriege, daß
Chris morgen auch eine Klausur schreiben muß - endlich mal ein
Grund, auch ein paar Türen zu knallen und laut Musik zu hören.
- 14.12.95: Aufstehen früh am Morgen: die Klausur
fängt um 7:40 an. Sie enthält 100 Multiple-Choice-Fragen,
die nicht allzu schwer sind. Außerdem noch ein paar SQL-Aufgaben.
Ich bin schon wieder nach der Hälfte der Zeit fertig.
Danach gehe ich zu den Journalisten, und scanne im Newsroom eine ganze
Menge Dias nach:
Zum Mittagessen mache ich mit Gabi eine frische Pizza, danach besucht
uns Susanne, die nächsten Dienstag mit Gerald wieder nach
Österreich zurückgeht und vererbt uns noch einen Sixpack
Bier und einen Kanister Wein für unsere Weihnachtsfeier morgen.
Danach fahren wir zum Campus, ich bearbeite die gescannten Bilder
und kopiere sie in den Bericht, währen Gabi ihre Deutschstunde
gibt.
- 15.12.95: Packen, aufräen, letzte Einkäufe
und so weiter ... hier gibt es nix besonderes zu berichten.
- 16.12.95: Ich drucke ein paar Bilder aus, um sie per
Post zu verschicken, verbringe den rest des Tages im Computerlab,
um die gescannten Bidler zu bearbeiten.
Abends gibt es Spaghetti, und Sebastian kommt zu Besuch.
- 17.12.95: Hier beginnt der Urlaub ... der Bericht
folgt, sobald er fertig ist. Einen Sneak Preview
gibt es schon...
Weiter zum Januar.
Zurück auf Lothars Homepage.
Lothar Fritsch, fritsch@fsinfo.cs.uni-sb.de, PGP-Public-
Key