13.Dezember 1995
Abenteuer Amerika
Zwei Semester in Missouri
Tagebuch - chronologisch geordnet
November 1995
- 1.11.95: Post-Halloween-Mittwoch. Da ich morgens
Vorlesungen habe, muss ich nach sehr
wenig Schlaf und mit Restalkohol im Blut recht unausgeschlafen zur Uni
fahren. Es herrscht Hebstwetter - und das schon seit Tagen. Das heißt,
es ist kühl, feucht, verregnet und ab und zu stürmisch und der
Himmel ist demprimierend grau - die Neonlampen im Computer Lab sind
fast noch einladend dagegen.
Am Nachmittag bringe ich einen Film zum Entwickeln bei den Fotojournalisten
vorbei, und somit werde ich bald meine ersten Halloween-Partybilder in
den Händen halten.
Das einzige, was heute aus dem Rahmen fällt, ist ein Meeting im
International Center: Judith Gönci und ich stehen den beiden
Studierenden, die im Sommersemester nach Saarbrücken gehen, mit
Rat zur Seite. Dazu gibt es Pizza auf Kosten des International Center.
Der Abend vergeht mit dem Lesen zweier Lektüren. Das Haus hängt
noch voll mit der Halloween-Dekoration, nur der Dreck ist schon weggeputzt.
- 2.11.95: Studieren, Badminton spielen mit Gabi, Nicole
und Lore, danach Sitzung des Kletterclubs, auf der ich die Aufgabe erhalte,
die WWW-Homepage des Kletterclubs in die Gänge zu bringen sind die
heutigen Aktivitäten. Abends wird gelesen, und das war's für heute.
Ach ja, der erste Diafilm mit den Bildern der Halloween-Party ist
fertig. Aber noch nicht gescannt. Und heute nachmittag hat es zum ersten
Mal geschneit - aber nur ein paar Schneeflocken.
- 3.11.95: Studieren. Database Project: Lim und ich geben
Daten
ein bis zum Abwinken, ich arbeite an meinem
Bookreport, lerne
für
die Operating-Systems-Klausur nächste Woche und das war's für
heute. Für die DBMS-Klausur am kommenden Donnerstag habe ich noch
gar nichts gemacht.
- 4.11.95: Database Project, Book Report, OS,abends mit Gabi
ins 'Flat Branch', Bernhard etc
getroffen und bei uns im Haus Wein getrunken und geplaudert.
- 5.11.95: Ein weiterer Tag im Zeichen des Book Reports
und der OS-Klausur. Er beginnt mit einigen Zentimetern Schnee am
frühen Morgen, der aber bis 10 Uhr geschmolzen ist.
Am Abend kommen Chris und Adam wieder nach Hause
- sie waren übers Wochenende in St.Louis (und damit
herrschte vor allem aus Richtung von Chris' Stereoanlage herrliche Ruhe).
Ich telefoniere mit meinen Eltern und erfahre, daß eine amerikanische
Konditorei ihnen eine Broschüre geschickt hat, in der die darum
wirbt, mir von meinen Eltern einen Kuchen zum Geburtstag zu schicken.
Ich möchte mal wissen, wer da meine persönlichen Daten
weitergegeben hat...
Am Abend kommt uns wieder die beige-braune Katze von nebenan besuchen
und widersteht eine Weile lang allen Versuchen, die an die Luft zu
setzen.
Neben dem Anfertigen von OS-Hausaufgaben bis ein Uhr morgens gibt es
heute nix besonderes.
- 6.11.95: Das Becker-Bier
ist bei Robert Becker angekommen - er hat mir eine E-Mail geschickt.
Ich biche mit Gabi Flugtickets für Weihnachten: hin nach Phoenix,
Arizona und zurück von San Francisco. Dazwischen werden wir
Monument Valley, Grand Canyon, Cactus National Monument und Las Vegas
sehen. Das Flugticket kostet (ab und nach Kansas City) 202 Dollar.
Nachmittags treffe ich Lim im Computerlab, um die Phase 2 des
Datenbankprojekts fertigzumachen. Am Abend ist Tanzkurs, Lernerei.
- 7.11.95: Journalisten, Lernen, Klettern, Shakespeare's Stammtisch,
Lernen. Heute ist Abgabe der Datenbanksachen
und des Book-Reports
für die Journalisten.
- 8.11.95: OS-1 - Klausur. Datenbank-Stoff lernen. Schlafen.
- 9.11.95: DBMS-1 - Klausur. Am Nachmittag spiele ich mit
Gabi, Nicole und Lore Badminton, und am Abend mache ich die AI-Hausaufgaben
für morgen: mein erstes Lisp-Programm.
Gegen 10 Uhr Abends bin ich zu Hause - bei leerem Kühlschrank wie Magen.
Und weil ich wegen der ganzen Arbeit diese Woche nicht zum Einkaufen
gekommen bin, schwinge ich mich per Rucksack auf's Fahrrad und fahre zu
Nowell's, einen großen Rucksack voller Käse, Gemüse,
Yoghurt usw. kaufen.
Gabi bereitet Hommus zu (ein Kichererbsen-Knoblauch-Öl-Kräuter-Brei)
und ich taue das letzte Fladenbrot dazu auf. Außerdem gibt's
rechlich Bananen - die waren heute im Angebot für 25 Cent das Pound
(auf europäisch: 74 Pfennige pro Kilo).
Endlich ist der dieswöchige Klausurenstreß vorbei - allerdings geht
es jetzt gerade weiter bis zu den Weihnachtsferien: AI-Klausur, Projekte
(derer drei bis 7.12.95) und die 'Final Exams'.
Ich habe heute ein Zelt für die Weihnachtsferien bestellt:
das Kelty 'Windfoil Ultralight'). Es kostet $130 und ist ein über
drei Meter langer Tunnel.
- 10.11.95: Heute gebe ich meine ersten LISP-Hausaufgaben
in AI ab. Ansonsten zieht derTag vorbei, ich ruhe aus und habe erst mal
die Nase voll vom lernen. Abends besucht mich überraschend
Sarah, eine 'Eingeborene' aus Missouri, die ich vor ein paar Wochen mal
kennengelernt habe. Gabi und ich fahrenmit ihr erst einmal in Richtung
Mall, um das Spiel 'Therapy' zu bekommen (welches in Europa durchaus
populär ist). Aber niemand hat je etwasdavon gehört, auch
nicht bei den großen Ketten. So kaufen wir 'Mizzoupoly', eine
auf Columbia und die Uni umgemünzte Monopoly-Version.
Danach fahren wir ins 'Flat Branch'
, wo wir etwas trinken, plaudern und ein paar leckere Sachen essen (Honigbrot,
gebratene Zucchini etc). Währenddessen gesellt sich draußen
zur eisigen Kälte noch ein Schneesturm und schafft es auf drei
Zentimeter Schnee, bis wir das Restaurant verlassen.
Sarah bringt uns nach Hause, und wir spielen noch Karten.
- 11.11.95: Wochenende! Tagsüber lernt Gabi, ich kann mich
nicht mehr so genau an meine Aktivitäten erinnern und am Abend
besuchen wir die 'International Fashion Show' des 'International
Programming Committee'. Es werden traditionelle Kleider gezeigt, die
Japaner führen einen Kendo-Schwertkampf vor, und die European
Students Association parodiert einige europäische Länder und
Kelly führt einen provokanten, transparenten Folien-Minirock vor.
Später tritt sie zusammen mit Anderen als betrunkene, englische
Jugendliche auf und fällt, die Dekoration der Bühne umreißend,
von der Bühne, daß jeder glaubt, es gehöre zum Auftritt.
Einige meiner Fotos
finden sich auf der Homepage der
Eurpean Students Association.
Danach gehen Alle ins 'Cafe Ole', aber Gabi und ich haben nicht so
recht Lust dazu. So gehen wir ins 'Cafe Taza', Tee trinken, Kuchen essen und nach Hause
Karten spielen.
- 12.11.95: Der Sonntag geht schnell vorbei. Das Wetter
wechselt von Sonne ueber frostigen Wind bis Regen, Gabi lernt in der
Bibliothek und ich mache mir Gedanken über mein KI-Projekt zu
Hause im Bett. Für den Abend haben wir einige Leute zum
Spieleabend eingeladen - so richtig fest zugesagt hat natürlich
kaum jemand. Nadine bringt eine selbstgemachte Quiche Lorraine mit,
und wir spielen 'Mindtrap' - was besonders lustig ist, wenn kein einziger
Muttersprachler in Englisch da ist, weil man laengere Texte mit
teilweise unbekannten Vokabeln vorlesen und verstehen muß.
Wir spielen bis etwa 11 Uhr, und dann räumen Gabi und ich auf und
der Tag ist vorbei.
Das ganze Wochenende über besuchen uns diverse Katzen aus der
Nachbarschaft: eine beige-weiße, dicke Angorakatze und eine
kleine Schwarze mit gelben Flecken und Streifen. Sie gewinnen jedermanns
Sympathie (mit Ausnahme von Chris, der aber chancenlos ist, weil seine
Freundin die Katzen mag und sie mit in sein Zimmer nimmt).
- 13.11.95: Heute gibt's die OS-Klausur von letzter Woche
zurück. Mit 83 von 100 Punkten kann ich mich über das
Ergebnis nicht beschweren.
Nachmittags stürzt die CSVAX ab, gerade als ich an meinem
AI-Project (in Lisp)
programmieren will. Kein Systemverwalter ist da, aber die Tür zum
Computer (einem beeindruckenden Schrank) ist offen. Ich beschließe,
daß dies nicht unbedingt eine Einladung ist, die Maschine selber
neu zu booten, und gebe AI für heute auf.
Am Abend ist Tanzkurs, und danach schreibe ich am DBMS-Paper und komme
gegen Mitternacht nach Hause. Ein Paket für mich liegt auf der
Veranda. Es ist das Zelt, welches ich letzte Woche
bestellt habe. Der Packsack mit Stangen, Zelthaken (natürlich
die 08-15-Weichaluhalen) ist verblüffend leicht.
Ich muß das Zelt (Kelty 'Windfoil Ultralight') gleich im Garten
aufstellen. Der niedrige Preis läßt sich durchaus am
Zelt nachvollziehen. Hier eine Liste der wichtigeren Unterschiede
zu meinem (1.7 Kilo schwererem) VauDe 'Ferret II' (auch ein Tunnel-Zelt):
- Der Zeltboden besteht aus Nylongewebe, nicht aus schwerer,
wasserundurchlässiger PU-Folie.
- Die Kanäle, durch die man die beiden Stangen schiebt, sind
aus Baumwolle, nicht aus Zeltfolie. Es scheint, als könne
man nicht wie beim 'Ferret II' die Stangen mit beliebiger Gewalt
ins Zelt stopfen. Dafür sind die Kanäle sehr weit:
ca. 3cm im Durchmesser. Die Stange gleitet einfach durch.
- Die Stangen (Alu mit Gummischnur) sind wesentlich dünner.
- Das Zelt hat einige Flächen aus Mosquito-Netz am Innenzelt,
die nicht mit Sturmblenden verschließbar sind. In kaltem
Wind wird's also etwas zugig.
- Die Apsis zwischen Innen- und Außenzelt ist minimal. Sie
reicht aber, den Eingang vor Regen zu schützen und zum Kochen.
Da das Innenzelt 3 Meter lang ist, kommt das Gepäck ohnehin
nach Innen (praktisch wegen der Skorpione in Arizona).
Ich werde demnächst (wenn es mal wieder stürmt und regnet)
eine Nacht im Garten Probezelten. Einen Blick auf das Zelt werfen kann
man hier.
- 14.11.95: Im Journalisten-Lab Arbeit nach Plan. Die
Mission: fremde 'News' aufspüren, vereinnahmen und 'linken'.
Danach telefoniere ich mit diversen Firmen und städtischen
Angestellten, um Details über Recycling in Columbia für
das Journalism-Project
herauszufinden.
Nachmittags lese ich - neben der OS-Vorlesung, in der es die Klausur
von letztem Donnerstag zurückgibt (81 von 100 für ca. drei
Stunden Vorbereitung) und in der wir eine recht konfuse Vorführung
von 'Oracle Forms' sehen - ein paar Papers zu Recycling und Kompostieren,
arbeite an Computern und gehe ins Recreation
Center
zum Club-Meeting und zum Klettern an der Kletterwand.
Letzteres dauert bis kurz vor neun Uhr, und so fahre ich gleich
weiter zu Shakespeare's Pizza, zum Stammtisch. Es hat Eis geregnet,
was mir per Fahrrad aber weniger ausmacht als den Autos.
Nach einer Pizza und zwei Stunden Gespräch fahren Gabi und ich
nach Hause.
- 15.11.95: Der Tag vergeht wie fast jeder andere
Mittwoch. Für den französischen Kaffeklatsch radele ich zu
Buck's Eisdiele und bringe
Mokka-Eis mit.
Am Abend sind Gabi und ich zu Kelly eingeladen - es wird
ein 'Potlock' veranstaltet - daß heißt, jede/r bringt etwas
zu Essen mit. Wir bringen einen Spaghettiauflauf mit Tomaten-Creme-Soße
zum Überbacken mit Käse. Peter (der Amerikaner mit dem schweitzerischen
Akzent) kocht Sauerkraut, und Kelly und Rachael ungarisches Goulasch.
Dazu gibt es Rotwein und Weißbrot.
Wir lernen eine Menge neue Leute kennen - alle entweder aus dem
deutschsprachigen Raum oder für längere Zeit dort gewesen und
deutsch-sprechend. Der Abend vergeht, und Gabi und ich fahren gegen
zwei Uhr morgens nach Hause.
- 16.11.95: Bei den Journalisten gibt's das Übliche,
in einer Pause hole ich meinen Diafilm beim Photo-Department ab und er
enthält einige gelungene Bilder der Fashion-Show vom
vergangenen Samstag. Weil der Filmscanner im Newsroom
gerade frei ist, scanne ich einige Bilder.
Der Nachmittag vergeht mit Vorleungen, Badminton spielen, Klettern an
der Kletterwand und etwas Lernen zu Hause.
- 17.11.95: Nichts als gewöhnliche Vorlesungen.
Nachmittags leihe ich mir bei
Wilderness Adventures ein paar Kletterschuhe aus (es kostet $6 von
Freitag auf Montag). Auf dem Rückweg nehme mich bei
Buck's eine halbe Gallone
Vanilleeis mit - morgen abend gibt es bei Joelle, der neuen
Präsidentin der European Students Association, eine Potlock-Party
und ich werde dafür Vanilleeis mit heißer Himbeersoße
machen.
Den Rest des Nachmittags/Abends widme ich dem
AI-Projekt
Nun ist Lisp alleine schon recht komplex, aber wenn es dazu
auf einer VAX läuft, die mit Vorliebe abends oder am Wochenende
abstürzt, um einem drei Tage an der Arbeit zu hindern (und die
Deadline am nächsten Montagmorgen ist), dann fühlt manchmal
schon das Bedürfnis, die Tür zum Rechnerraum einzutreten
und die VAX neu zu booten.
Zum Ausgleich klettere ich noch zwei Stunden an der Kletterwand,
bis im Recreation Center
das Licht ausgeschaltet wird.
- 18.11.95 Den Tag über kämpfe ich mit LISP und
der VAX. So langsam kommt mein
LISP-Programm in die Nähe dessen, was es machen sollen.
Sieben Uhr. Adam war so freundlich, mir gefrorene Himbeeren aus dem
Supermarkt mitzubringen, und so koche ich die Söße für's
Vanilleeis.
Bei Joelle gibt es erst einmal eine Attraktion zu bewundern: ein Tier,
dessen erster Anblick mich an eine überdimensionale Ratte erinnert,
sitzt auf der Holztreppe vom Garten zum Dachgeschoß, schaut die
Leute an und rührt sich nicht. Es ist ein Opossum, und am auffälligsten
an der Pelzkugel sind der lange, nackte, dicke Rattenschwanz und die
schnabelartige Schnauze. Bei Annährung knurrt das Tier, aber zum
Weglaufen hat es auch keine Lust. Joelle ruft die städtische
'Animal Control' an, und eine Frau kommt mit einem Käfig und
dicken Lederhandschuhen vorbei, um das Opossum einzusammeln. Beim
Greifen versucht es, zu beißen und zeig dabei einige ganz schön
lange, spitze Zähne. Das Tier wird auf Tollwut untersucht und dann im
Wald freigelassen. Opossums seien überhaupt nicht selten, und
eigentlich harmlos, weil sie Reste fressen und nicht mal Raubtiere
seien, erzählt mir die Terfängerin. Nur in Städten
fräßen sie Müll, und das macht sie zu potentiellen
Seuchenüberträgern.
Die Party ist gut - es ist zwar eng, aber es gibt viele gute Sachen
zu Essen und viel zu erzählen. Das Himbeer-Vanilleeis ist ein Hit
und schnell aufgegessen. Danach zeige ich meine Bilder von der Modenschau,
da fast alle Beteiligten anwesend sind. Schließlich spielen wir
Gabi's 'Mizzouopoly', eine für Columbia und die Uni gemachte
Monopoly-Variante. Nach einigen finanziellen Transaktionen und dem
Verkauf aller Straßen an einen Mitspieler (für $1, um anschließend
mit ihm ein Team zu bilden) schlagen wir die gegnerische Koalition und
treiben die Runde in den Ruin.
Gegen Mitternacht brechen die meisten Gäste auf - auf dem Campus
findet noch eine Fete statt. Sie ist vom 'International Programming
Comitee' organisiert und hat Discomusik und -tanz verschiedener
Länder und Kulturen zum Motto. Es ist natürlich viel zu
laut, aber sonst ganz gut. Im großen Saal nebenan findet eine
Sorority-Fete statt - alles abgeriegelt und selbst die Fenster mit
Zeitung verklebt. Auf unserer Fete treffen wir einige alte
Bekannte wieder.
Um 1 Uhr morgens ist die Fete zu Ende, und Sebastian, den wir hier getroffen
haben, schlägt vor, noch Bier zu kaufen und sich bei uns zu treffen.
So finden sich später zwei Russen, eine Ukrainerin, eine Kanadierin
(eine der beide Tanzlehrerinnen unseres Montags-Tanzkurses)
und Sebastian bei uns zu Hause ein. Wir plaudern und trinken im
Wohnzimmer (das ich in letzter Zeit etwas umarrangiert habe - eine alte
Tür und ein Satz Hohlblocksteine machen einen brauchbaren Tisch
und vn Chris (oder eher Kristie) verstoßene noble Samtbettlaken
erheben unsere abgewetzten Sperrmüllsofas zu Luxusmöbeln).
Gegen halb vier Uhr morgens machen wir Schluß.
- 19.11.95: Spät aufstehen. Kopfweh. Lisp zu
programmieren.
Um acht Uhr abends koche ich mit Gabi einen Kohlkopf und Kartoffeln,
und anschließend radeln wir wieder an die Uni, um weiter zu arbeiten.
Kurz vor Mitternacht - gerade, als ich den letzten fundamentalen
Schritt des morgen fälligen Lisp-Projekts am implementieren
bin, stürzt die CSVAXA mal wieder ab und beendet damit meine
Programmiertätigkeit bis Montag morgen, 8 Uhr - da dürfte
die Systemverwalterin wieder in der Nähe des Computers sein.
- 20.11.95: Neben zwei Vorlesungen - von denen ich die erste
verschlafe, verbringe ich den Rest des Nachmittags im GCB-Computerlab
und arbeite am LISP-Programm. Es wird um 5:05 fertig und sogar eine der
Heuristiken läuft. Danach bastele ich noch etwas am Journalism-Project
und um 7:30 ist Tanzkurz in Memorial Union.
- 21.11.95: Letzter Vorlesungstag vor den 'Thanksgiving
Holidays' - von Mittwoch bis Sonntag sind Erntedankferien. Bei den
Journalisten suchen wir noch ein paar Leitartikel, den Rest der Zeit
kümmere ich mich um meine Projects und scanne Dias. Abends koche
ich mit Gabi zu Hause chinesische Nudelsuppe, und dann gehen wir
früh schlafen.
Chris ist bis Sonntag weg, und Adam wie Lesa werden morgen früh
zu ihren Familien fahren. Die ganze Uni macht morgen mittag um fünf
Uhr dicht - inklusive der Computerlabs.
- 22.11.95: Heute bin ich den ganzen Tag mit irgendwelchen
Computern beschaeftigt - am spaeten Nachmittag bei den Journalisten mit
den Rechnern, die eigentlich zum Zeitungsmachen da sind. Aber ansonsten
hat kein Computerlab mehr auf, und schliesslich arbeite ich an meinem
Projekt fuer die Journalisten.
Gabi war bei Nowell's einkaufen, und so gibt es endlich wieder etwas
venuenftiges zu Essen.
Zu Hause koche ich mit Gabi Spaghetti, und danach gehen wir aus in
'Widman's Bar & Grill' an der Ecke Broadway/8th Street. Es ist eine
große Bar, mit eigenem Raum zum Dartspielen, einem großen
Bildschirm für Sportübertragungen und einer langen Theke.
Wir bestellen Bier und Eis, was die Bedienung sichtlich verwirrt, und
spielen Karten. Die Musik hat angenehme Lautstärke, einziger
Makel: hier ist kein Rauchverbot.
Wir kommen gegen Mitternacht nach Hause, nachdem wir einen kleinen
Spaziergang unternommen haben. Die Weihnachtsbeleuchtung wurde vor
einer Woche montiert - entlang der Äste der vielen Bäume entlang der
Straßen in
Downtown Columbia sind jetzt Lichterketten. Nicht die mit den großen
Glühbirnen, wie man sie von Saarbrücken kennt, sondern die
mit den kleinen Lämpchen für die Weihnachtsbäme.
Außerdem sind die Häuser entlang des Broadway mit Lichterketten
entlang der Kanten, Dachkanten und Fenster geschmückt und die Uni
hat einen gigantischen 'Baum' aus Lichterketten am Ende der 8th Street,
vor den Säulen und Jesse Hall aufgestellt.
- 23.11.95: Thanksgiving Holiday. Heute ist ein wichtiger
Feiertag: der Erntedanktag. Allerdings hat er nicht die religiöse
Dimension, die er in Deutschland hat. In den USA ist es eher ein
traditioneller Familientag: Studierende, Schüler und Berufstätige
reisen zu ihren Eltern, um die Familie zu treffen, das Thanksgiving-Dinner
(Truthahn und viele Beilagen) zu essen und ein Wochenende Ferien zu machen.
Das Essen scheint nicht unwichtig zu sein: man verabschiedet sich mit
"Happy Holiday and eat a lot!" voneinander in die Ferien.
Gabi und ich schalfen aus und gehen mit Sebastian in die 'Coffe Zone' -
dem einzigen Cafe, das heute in Downtown Columbia überhaupt
geöffnet ist - einen Kaffe trinken (sehr empfehlenswert ist hier
auch der indische Cay-Tee - 'Tschai' gesprochen). Columbia ist noch
ausgestorbener, als es Anfang August war: kaum Autos, alle Geschäfte
geschlossen, die Studierenden alle weggefahren.
Am Nachmittag sind wir zu Hause - in einem herrlich ruhigen Haus. Gabi
liest, und ich räume den Rest der Halloween-Dekoration und den
Müll im Garten auf und sauge die Böden im Haus - alleine der
Staubhaufen auf der Treppe ist ungeheuer.
Am Abend kochen wir uns unser Thaksgiving-Menü:
- Krabbencocktail und Avocadocreme
- Gebackener 'Catfish', Pellkartoffeln, Grüne Soße, Broccoli und
grüner Salat
- Vanilleeis mit heißen Himbeeren
- Rotwein
Danach spazieren wir durch das nächtliche Columbia. Es ist so
menschenleer wie am Nachmittag. Die einzige Kneipe, die offen hat,
ist diejenige, in der wir gestern abend waren. Es ist lausig kalt und
sternklar.
Wieder im Haus packen wir unsere Rucksäcke für unsere ersten
'Ferien': wir werden morgen früh per Bus nach St.Louis fahren und
dort das Wochenende verbringen. Danach geht's zeitig ins Bett.
- 24.11.95: Auftstehen um 8 Uhr, Taxifahrt um 8:55 zur
Greyhound-Station (die von Downtown an die Kreuzung Nifong-Boulevard/Highway 63
verlegt wurde - ans Ende der Welt). Die Taxifahrt kostete rund $6.50 für
etwa 5 Meilen. Der Greyhound-Bus fährt um 9 Uhr dreißig ab, das One-Way-
Ticket nach St.Louis kostet 22 Dollar.
Es gibt auch ein Round-Trip-Ticket für Studierende, welches für
Hin- und Rückfahrt 30 Dollar kostet. Da wir aber von Debbie auf dem
Rückweg mitgenommen werden, fahren wir one-way.
Die Fahrt geht über den Interstate-70, mit zwei kurzen Pausen an
Tankstellen zum Beine vertreten und Getränke kaufen. Gegen Mittag
kommen wir in St.Louis an. Die Greyhound-Station hier ist fast Downtown,
zwischen 10. und 13.Straße nördlich des Downtown-Bereichs.
Die Sonne scheint, die Skyline und der Arch - offiziell das
'Jefferson Expansion National Monument', ein riesiger Bogen am Ufer des
Mississipi River - sind im Süden zu sehen.
Wir schultern die Rucksäcke und wandern die etwa zwei Kilometer
auf der 10.Straße in Richtung Süden, vorbei ein Wohnhäusern
mit nur wenigen Stockwerken, hinein in die Straßenschluchten zwischen
den Hochhäusern. Downtown St.Louis ist wie ausgestorben - nur
wenige Leute sind auf der Straße. Kaum Geschäfte und einige,
wenige Cafes oder Restaurants säumen die Hochhäuser. Letztere
variieren von alten, nur zehnstöckigen Gebäuden mit vielen
Fassadenverzierungen bis zu den Wolkenkratzern, die als einzigstes
Merkmal noch ihre Spiegelfassade haben. Eines der interessanteren -
weil ungewöhnlicheren - Hochhäuser ist das neue Gerichtsgebäude:
es ist ein graues, langweiliges Hochhaus, aber auf seinem Dach befindet
sich eine Art stufige Pyramide mit einem griechischen Tempel und einer
Löwenskulptur auf dem Dach. Der Tempel wirkt so anachronistisch
zwischen den verspiegelten Giganten, da&sz; er schon fast wieder
genau am richtigen Platz zu stehen scheint.
Dann taucht der Arch wieder auf - ein silberner, im Sonnenlicht
scheinender Bogen, der sich über eine Straßenschlucht
spannt. Der Wind wird kalt, und so ziehen wir unsere Jacken wieder an
und marschieren los, in Richtung des Archs, vorbei an einigen Hochhäusern.
Vor dem Arch, winzig im Vergleich zu den Wolkenkratzern, steht das alte
Gerichtsgebäude von St.Louis. Es steht nicht direkt vor dem Arch, sondern
circa 400 Meter davon weg, aber zwischen ihm und dem Bogen sind nur noch
zwei Highways und grüne Wiese.
Das Courthouse ist ein kapitolähnliches Kuppelgebäude, ganz
weiß und das Dach grün.
Davor befindet sich eine Art Amphitheater in Beton in einer kleinen
Parkanlage. Neben dem 'Old Courthouse' stehen zu beiden Seiten
verspiegelte Wolkenkratzer. Wir gehen weiter zum Arch, der mit jedem
Schritt größer wird. Der Bogen und der Rasen darunter
zählt als Nationalpark und wird von den National Park Rangers
betreut.
Der Bogen besteht aus dreieckigen, doppelwandigen Edelstahlelementen,
die im Zwischenraum mit Beton gefüllt sind. Im Inneren des Bogens
verläft eine Treppe und es fahren zu beiden Seiten Gondelbahnen
nach oben - in 650 Fuß (oder ca. 220 Meter) Höhe. Die
Besucheranlagen sind unterirdisch - an beiden 'Füßen' des
Bogens gelangt man in eine riesige, unterirdische Halle. Dort gibt es
ein Museum zur Besiedlung des Westens (der Bogen heißt offiziell
'Jefferson Expansion Memorial' und stellt das 'Tor zum Westen' da -
die Rolle, die St.Louis dank seiner Eisenbahn- und Schiffsanbindung
bei der Besiedlung des Westens von Amerika gespielt hat. Der Arch steht
auch wie ein riesiger Torbogen parallel in Nord-Südrichtung am
Ende der Ost-West-Hauptachse durch Downtown St.Louis.), drei Kinos,
in denen ein Film über Konstruktion und Aufbau des Bogens
(der krampfhaft versucht, die Konstrukteure und Bauarbeiter zu
heroisieren - dabei ist das Aufstapeln von tonnenschweren Dreiecken ein
Kinderspiel im Vergleich zum Aufstellen von Ölplattformen bei
stürmischer See), ein Film über Yosemite National Park und
ein Film über den Grand Canyon laufen. Da die nächste Fahrt mit
der Bahn erst um Viertel nach fünf noch Plätze frei hat,
kaufen wir uns nur Tickets zum Construction- und zum Grand Canyon Film.
Da noch eine Viertelstunde Zeit ist, bis der erste Film anfängt, und wegen
des Thanksgiving-Familienandrangs freies Bewegen (mit den Rucksäcken
auf dem Rücken) nicht so einfach ist, setzen wir uns auf eine Bank
an der Brunnenanlage in der Mitte der Halle. Hier läuft uns
Bernhard mit zwei Mädels über den Weg, und wir verabreden
uns für nach den Filmen zum Dinner.
Der Grand-Canyon-Film wird in einem Kino mit Panorama-Leinwand
gezeigt. Wir setzen uns in die erste Reihe, und so füllt die
Leinwand fast das ganze Gesichtsfeld aus. Nach ein paar grafischen
Spielereien und einem Werbevorspann für die Nationalparks
beginnt der Film. Der räumliche Effekt ist beeindruckend, nur
müßte man für eine Leinwand dieser Größe
den Film mit mehr Bildern pro Sekunde aufnehmen, es flimmert doch arg
bei schnellen Bewegungen. Dafür sind die Aufnahmen von Helikopterflügen
und Bootsfahrten durch die Stromschnellen so realistisch, daß es
Gabi - wohl in Anbetracht der Ardeche_Erinnerungen - schlecht wird. Von dem
Mißgeschick
abgesehen ist der Film - zumindest meiner Meinung nach - sehenswert.
Danach treffen wir Bernhard 'Bernie' und seine Mädels und spazieren
'rüber zum 'Landing', einem alten Hafenviertel am Ufer des Missisippi,
nur etwa eine halbe Meile nördlich vom Arch. Letzterer sieht in der
untergehenden Sonne durchaus beeindruckend aus.
Na, hast Du Dich schon gefragt, wo die Fotos sind?
Hier natürlich.
Im 'Landing' befinden sich ausschließlich Restaurants, Kneipen
und Nachtclubs. Sperrstunde scheint um ein Uhr nachts zu sein, und die
Umgebung ist von der Art, daß hier überwiegend Familien
unterwegs sind (was aber auch an Thanksgiving liegen könnte).
Einziger ausmachbarer 'Schandfleck' ist eine Filiale von 'Hooters'.
Das ist eine Fastfood- und Kneipenkette, die ausschließlich
Frauen mit guter Figur und überdurchschittlicher Oberweite
einstellt, die einem in engen Tops und Höschen - und in diesem
Fall auf Rollschuhen - bedienen. Wir gehen zur 'Spaghetti Factory',
einem italienischen Restaurant mit ungewöhnlicher Inneneinrichtung:
man hat wohl versucht, eine luxoriös-gediegene Atmosphäre mit
viel Holz, bunten Fenstern und Kunstwerken herzustellen (so wie man sich
das 'alte' Italien eben vorstellt), aber zumindest in europäischen
Augen ist ein erhebliches Sammelsurium von Stilen zusammengekommen.
Trotzdem ist der Platz sehr schön, wir werden schnell an einen freien
Tisch geführt und bestellen unsere Nudeln. Ich esse ein mariniertes,
gebackenes Huhn mit Spaghetti und bezahle dafür knapp acht Dollar.
Das Essen kommt inclusive Brot und Knoblauchbutter in unbegrenzten
Mengen, einem Eis und Kaffee als Nachspeise sowie dem hierzulande
üblichen kostenlosen Leitungswasser zum trinken.
Bernies Bekannte wohnen außerhalb - in St.Charles, wenn ich mich
recht erinnere - und können nicht allzuviele Empfehlungen über
Downtown St.Louis und sehenswerte Plätze ausspechen. Der Ostteil
der Stadt, jenseits des Missisippi, soll nachts ein gefährliches
Pflaster sein mit Bandenkriegen, illegaler Prostitution, Drogenhandel
und so weiter. Allerdings soll auch Downtown an sich - was ich bislang als
still, friedlich und verlassen erlebt habe - schon ziemlich gefährlich
sein.
Bernie und seine Freundinnen brechen bald auf, weil sie Tickets für
die Arch-Auffahrt haben. Wir verabreden, morgen bei Bernie's Gastgebern
anzurufen, um ein eventuelles Treffen mit weiteren Bekannten für
Samstagabend abzumachen.
Gabi und ich machen uns auf den Rückweg ins Stadtzentrum. An einem
Informationsstand im Arch haben wir die Namen und Telefonnummern
einiger Hostels und Bed-and-Breakfast-Pensionen bekommen. Leider ist
das alles etwas durcheinander geraten, und dort, wo das Kreuz auf dem
Stadtplan ist, ist die Polizeiakademie und die Polizeistation. Da hier
üblicherweise Leute sitzen, die sich zumindest mit Stadtplänen
auskennen, gehen wir hinein und fragen nach der Adresse '1901 South
12th Street'. Dummerweise wissen wir den Namen dazu nicht, weil
es jeder von unserer Liste sein könnte. Wie sich herausstellt,
hat die 12. Straße noch einen zweiten Namen: Tucker Boulevard,
weshalb wir sie nicht gefunden haben (allerdings darauf gelaufen sind).
Der Polizist (interessanterweise gar nicht darueber veraergert, daß
ich nicht durch den Metalldetektor in der Eingangshalle gegangen bin,
obwohl das scheinbar vorgeschrieben ist und ich einen dicken Rucksack
auf dem Rücken trage) ruft kurzerhand die oberste Telefonnummer an,
fragt, wer am anderen Ende ist, meldet sich als 'St.Louis Police Department'
und verschreckt damit die Leitung des - wie wir jetzt wissen -
'Huckleberry Finn Youth Hostel' ganz gehörig.
Der Polizist empfiehlt uns, den Bus zu nehmen, der direkt vorm Gebäude
abfährt, das sei sicherer, als die knapp zwei Meilen die Straße
entlangzulaufen.
Der Bus kommt nach rund zwanzig Minuten, und für den Preis von einem
Dollar fahren wir bis praktisch vor die Tür der Jugendherberge.
Das Stadtviertel südlich von Downtown St.Louis heißt
'Soulard', hat keine Wolkenkratzer und ist fast einheitlich aus
zwei- oder dreistöckigen Backsteinhäusern aufgebaut. Im
Zentrum steht die Busch-Brauerei, und alles erinnert irgendwie an eine
englische oder irische Kleinstadt.
Die Jugendherberge wird von einer kleinen, südamerikanischen Frau betrieben,
und die Übernachtung kostet vierzehn Dollar. Drei Gebäude
stehen zur Verfügung, in denen die Zimmer für Männer,
Frauen und den Bed-and-Breakfast-Teil sowie die Küche und das
Wohnzimmer untergebracht sind. Im Büro treffen wir auf eine
graue Perserkatze und im Hof ist ein Hund angebunden, der bis auf den
Krach, den er macht, wenn jemand den Hof betritt, eigentlich ganz nett
und harmlos ist. Die Jugendherberge ist eigentlich genau das, was man
sich unter dem Begriff vorstellt: sechs bis acht Betten pro Zimmer,
Duschen, Frühstück kann seperat bestellt (und bezahlt) werden.
im Gegensatz zu deutschen Jugendherbergen bekommt man einen
Haustürschlüssel
und unbegrenzte Ausgehzeit sowie weniger strikte Regeln innerhalb des
Hauses.
Wir treffen auf zwei Deutsche, eine Norwegerin und ein paar Amerikaner,
die allesamt über das Thanksgiving-Wochenende St.Louis besuchen.
Nach einer Weile Plaudern beschließt ein Teil der Leute, den
Irish Pub zu besuchen, der weniger als zweihundert Meter die Straße
weiter 'runter gelegen ist. Der ist ganz schön, hat live-Musik,
die üblichen Guinness-Verziehrungen und ist gerammelt voll. Am
Eingang muß man den Ausweis vorzeigen, und wer jünger als
21 ist, darf nicht rein. Ich trinke ein Guinness, aber Gabi fühlt
sich nicht wohl, und so gehen wir bald zur Herberge zurück,
setzen uns ins Wohnzimmer, schauen fern, lesen die Broschüren
anderer Jugendherbergen - auch in Arizona und Kalifornien - und gehen
schließlich schlafen. Wir wollen morgen früh genug am Arch
sein, um Tickets für eine Auffahrt bei Tageslicht zu bekommen.
Außerdem haben wir uns für zehn Uhr mit Mike verabredet.
- 25.11.95: Um 10 Uhr treffen wir Mike im Arch, den Bus
nach Downtown haben wir - direkt vor der Tür der Jugendherberge -
reibungslos bekommen. Wir kaufen Tickets für den Archaufstieg
für 12:40, gehen zur St.Louis Bread Company frühstücken und
stehen danach Schlange, um auf den Arch hinaufzufahren.
Durch eine Einstiegsrampe gelangt man in die Gondeln der Bahn: kleine,
zylinderförmige Abteile, die einzeln an einer Schiene aufgehängt
sind. Es ist eng, fünf Leute müssen sich in einem Abteil
drängen oder besser: zusammenkauern. Die Fahrt dauert volle vier
Minuten, und die letzten paar Meter muß man selbst laufen.
Oben steht ein 'Pusher', die die Leute mit keifender Stimme dazu auffordert,
bis ganz oben durchzugehen, und nicht bereits am ersten Fenster stehenzubleiben.
Der Bogen ist hier oben nur noch eine Röhre mit etwa zwei Metern
Innendurchmesser. Es gibt eine Wartungsluke zum Wechseln der roten
Blinklampe auf dem Arch, sie ist aber leider verschlossen.
Der Ausblick aus den Fenstern - so groß wie die Schießscharten
mittelalterlicher Burgen - ist toll. Man hat ganz Downtown St.Louis
unter sich liegen.
Der Arch wackelt etwas - kein Wunder, bei den in über 200 Metern
überm Boden zu erwartenden Windgeschwindigkeiten. Über der
Stadt hängt eine graue Dunstwolke - Autoabgase und anderer Dreck.
Ansonsten hat man einen wunderschönen Blick auf die Straßen
und Hochhäuser. Angeblich gibt es eine Stadtverordnung, daß
keine Gebäude höher gebaut werden dürfen als der Arch.
Andererseits habe ich auch neulich in einer Zeitung gelesen, daß
heutzutage wegen der Telekomunikationsmöglichkeiten eher flache,
große Bürokomplexe irgendwo auf die grüne Wiese
gestellt werden, anstatt teure Hochhäuser ins Stadtzentrum zu
setzen.
Selbst die Jugendherberge ist von hier oben aus zu sehen. Blickt man
steil nach unten, erkennt man Namenszüge und Graffiti im Rasen
unter dem Bogen: dort hat jemand mit einem Rasenmäher oder
Herbiziden seinen Schriftzug hinterlassen - von hier oben deutlich
erkennbar.
Nach einer Weile wechsele ich die Seite, um nach Osten zu blicken, auf das
berüchtigte East St.Louis. Der Anblick ist eigentlich ziemlich
ernüchternd: keine Slums, Rauchsäulen, nicht mal Wohnviertel.
Ein paar Industrieanlagen, Lagerflächen und Hafenanlagen am Missisipi,
der nun fast unter uns liegt und sich als schmutzig-braune Masse dahinwälzt.
Darauf liegen ein paar moderne Schaufelraddampfer, die für
Ausflugsfahrten und als Spielcasinos da sind. Und das McDonald's Restaurantschiff
am Ufer direkt vor dem Arch. Einige Fotos später zwängen wir
uns in die nächste freie Kabine der Gondelbahn und fahren wieder
'runter in die Einhangshalle.
Das Museum zur Besiedlung des Westens wird noch schnell angeschaut. Hier
hängen ein paar echte Flinten, Fässer, ein Planenwagen und
andere Andenken der Siedler. Es gibt Hintergrundinformationen, und ein
Ranger hält einen Vortrag über die Siedlier und Indianer und
erzählt sogar, daß die Indianer eigentlich recht friedlich
waren, bis die neuen Siedler mehr und mehr die Sau rausgelassen und
Naturressourcen zerstört haben.
Wir treffen auf Mareianna und Irena,
die mit ihren amerikanischen Roommates in St.Louis sind, um sich den
Arch anzusehen, beide sind aber in Eile. Der Arch scheint ein Ort zu
sein, an dem man mehr der internationalen Studierenden aus Columbia
an einem Tag trifft als an jedem anderen Platz in Downtown Columbia.
Vom Arch spazieren wir zum Parkhaus, wo Mike mit der Parkplakette seines
Vaters im leeren Parkhaus einer Bank parkt. Mike empfiehlt uns den Zoo
und die University City, beides ein paar Meilen westlich von Downtown gelegen.
So verbringen wir ein oder zwei Stunden im Zoo, wo wir in der Cafeteria
zu Mittag essen. Der Zoo ist wie jeder andere auch und muß nicht
unbedingt besichtigt werden.
Die University Loop ist als nächstes dran. Nicht weit vom Zoo ist
es das Viertel, um daß herum zwei Universitäten stehen.
Die Häuser sind zwei- bis dreistöckig, es gibt Kneipen,
Cafes, Geschäfte und überhaupt Leben an sich. Wir bummeln
über die Hauptstraße und landen in einem persischen Restaurant,
wo Gabi Joghurt mit Fladenbrot, Mike einen Döner und ich einen
ganzen, gebackenen Knoblauch esse. Danach spazieren wir weiter und
kommen an einem recht ungewöhnlichen Laden XXXXXX vorbei.
Es handelt sich um ein Spezialitätengeschäft und Cafe in einem.
Hier gibt es italienischen Käse, internationale Weine und Biere,
und man glaubt es kaum - Orangina. Ich kaufe eine Flasche helles
'Franziskaner Hefeweizen' zum Preis von zwei Dollar. Interessanterweise
kostet die dunkle Variante gleich 3.29 Dollar. Außerdem erwerbe ich
noch eine Flasche des schweitzer 'Hexenbräu', weil Mike darauf
bestand, daß es ein gutes Bier sei (und das auch gar nichts damit
zu tun hatte, daß er erst 20 ist).
Da wir bereits um acht Uhr mit Debbie verabredet sind, fahren wir zurück
nach Soulard.
Mike setzt uns am Youth Hostel ab, und wir duschen und bereiten uns
darauf vor, von Debbie abgeholt zu werden. Ich ziehe erst mal in die
ehemalige Eingangshalle der Jugendherberge um (da stehen ein paar
Betten aufgereiht), weil der Männerbau überbucht ist. Und da
ich meine Sachen in einen Spind eingeschlossen habe, hat sich halt jemand
anderes das Bett geschnappt. Ist mir durchaus recht, denn die Eingangshalle
steht voller gerade nicht gebrauchter Betten und wird nicht ihrem
eigentlichen Zweck entsprechend genutzt, weil gerade nicht Saison ist.
So habe ich meine Ruhe, keine Leute über, unter oder neben mit im
Zimmer und kann meinen Kram in aller Ruhe ausbreiten.
Debbie kommt gegen halb neun, in Begleitung zweier anderer Studenten,
weil sie bereits am Telefon der Meinung war, alleine könne sie
auf keinen Fall nach Soulard kommen, da würde man doch sofort auf
offener Straße erschossen.
Die beiden Jungs im Auto sind gleicher Meinung, strikte dagegen, in eine
der gemütlichen Kneipen in Soulard zu gehen und plädieren dafür,
schnellstens irgendwo anders hinzufahren. Mangels irgendwelcher Ortskenntnisse
schlage ich vor, zum Landing zu fahren, und das tun wir dann auch.
Einer der beiden Jungs ist ein Deutscher, der schon ein paar Jahre in
den USA studiert und es hier alles viel besser findet als in Deutschland.
Er hat sich einer Fraternity angeschlossen und hat wohl vor, hierzubleiben.
Der zweite Student ist Mitglied selbiger Fraternity, aber leider noch
keine 21 Jahre alt, was beim Eintritt in die eine oder andere Kneipe
Schwierigkeiten machen könnte. In solch jungen Jahren scheint man
wirklich seine Probleme mit dem nachtleben zu haben: sogar der Vorschlag
fällt, bei Debbie Video zu schauen, statt auszugehen.
Im Landing stürmen wir dann eine Microbrewery (das ist die hiesige
Bezeichnung für eine Kneipe, die ihr Bier selber braut), und der
Kontrolleur an der Tür hat eigenlich keine Chance. Vor mir geht
Dirk (der deutsche Bekannte von Debbie) in die Kneipe, und er sieht
recht erwachsen aus mit einem leicht schütternen Haaransatz, danach
ich mit Vollbart und der Rest der Gruppe rauscht mit uns in die Kneipe.
Das Bier ist ganz ok, und wir quatschen zwei oder drei Stunden. Lange
kann ich dem Tiramisu auf der Karte nicht widerstehen, und so muß
davon eine Portion her. Später
setzt uns Debbie wieder an der Jugendherberge ab und fährt nach
Hause, Wäsche waschen und Lernen. Das war's dann auch für
heute.
- 26.11.95:
Gabi und ich stehen gegen neun Uhr auf, duschen und bezahlen die
Rechnung. Der nächste Bus nimmt uns mit nach Downtown, wo wir die
Market Street hinunter in Richtung 'Union Station' wandern. Union
Station ist ein alter, riesiger Bahnhof, der nach Einstellung des
Bahnbetriebs (es gibt jetzt nur noch Metrolink - eine S-Bahn zum
Flughafen) in ein Luxuseinkaufszentrum und ein Hotel umgebaut wurde.
Unter dem Metallgerüstdach befinden sich rund hundert Geschäfte
der Art, wie man sie auch aus der Saargalerie kennt: teuer, nutzlos
und ein Touch von Luxus. Schön ist das Bahnhofsgebäude von
Außen: es sieht aus wie ein schweitzerisches Schloß.
Gabi und ich fallen mit unseren Rucksäcken natürlich wieder
kolossal auf. Zum kombinierten Frühstück und Mittagessen
gibt es Chinesisches und Pizza. Die Bedienung am Pizzastand will in
Anbetracht des Rucksacks wissen, woher wir kommen, und bei der
Antwort "Aus Columbia" schaut sie recht erstaunt und meint, das sei
aber ein weiter Weg zu Fuß.
In der Union Station gibt es ein Lokal von Hooters, viele kleine
Geschäfte und Cafes, und wir bummeln eine Weile herum, denn um
halb zwei sind wir mit Debbie draußen an der Straße
verabredet zur Heimfahrt nach St.Louis.
Highlights der Union Station sind der Kaffeeladen mit seiner unendlichen
Auswahl an Kaffesorten, der viktorianische Laden, der lauter Zeugs
verkauft, daß in jener Epoche die gute Stube verziehrt hat und
der eine mindestens achtzigjährige Oma in Originalkelidern
vor der Tür stehen hat, die sich auch gerne fotografieren
läst; sowie der Tabasco-Souvenirladen. Letzterer ist leider
- wie zu erwarten war - viel zu teuer.
Einige Dutzend Geschäfte später - ich habe inzwischen
circa zwanzig Lederhüte a la Indiana Jones anprobiert, aber
irgendwie scheint XL ausverkauft zu sein - ist es Zeit, zum Treffpunkt
mit Debbie zu gehen. Der ist einen Block neben der Union Station,
wir machen ein paar Photos der Umgebung (man sieht den Arch wieder von
hier aus), und dann kommt Debbie mit ihrem schwarzen Oldsmobile angefahren.
Das Auto sieht für europäische Augen sehr ungewöhnlich
aus, mit Holz- und Lederinnenausstattung und sehr limousinenartiger
Form.
Wir tanken irgendwo am Highway in North St.Louis (einer Umgebung, die
Debbie ebenfalls nicht sehr zusagt, wegen der Raubüberfälle)
und dann fahren wir in Richtung Columbia. Der Verkehr ist ziemlich
dicht, weil das Ende der Thanksgiving-Ferien die Studierenden wieder
nach Columbia und Kansas City treibt. Zwanzig Liter Benzin kosteten
übrigens fünf Dollar.
Die Heimfahrt dauert etwa zwei Stunden, bewies, daß auch ein
generelles Tempolimit Drängler und Staus nicht verhindert und
kurz vor Columbia geraten wir noch ein einen reinen Gafferstau.
Dann ist's geschafft: wir sind wieder zu Hause. Unser Haus steht
noch, eingebrochen wurde auch nicht. Adam ist da, Lesa auch. Wir packen
aus, und verbummeln den Rest des Abends.
- 27.11.95: Studieren ist heute wieder Hauptprogrammpunkt.
Die Projects müssen bald beendet sein, und am Abend schließt
der Tanzkurs mit dem letzten Teil ab.
- 28.11.95: Journalism-Lab am frühen Morgen, danach
Arbeit an den Projects, und die letzte Datenbank-Vorlesung. Die nächsten
Male werden die Projekte vorgeführt und keine Vorlesung mehr gehalten.
Nach dem New-Media-Seminar findet die Abschiedsfeier von Susan Cook
aus Neuseeland, die das
Journalism-Lab des New Media Seminars betreute, statt. Sie wechselt an
eine andere Uni in South Carolina. Es gibt Kuchen und
Pizza in Massen bei 'Shakespeare's'. Danach erledige ich etwas Projektarbeit.
Um 21:30 gehe ich zum Stammtisch - wieder bei Shakespeare's - bis 23:30 mit Rainer,
Debbie, Gabi.
- 29.11.95: Vorlesungen, Projects und letzter Pause-Cafe
- der Kaffeklatsch der Französisch-Teaching-Assistants.
Letzterer wird zur Kaloriennschlacht - jeder hat Leckereien mitgebracht:
Mousse au Chocolat, Kuchen, Kaffeestückchen, französischen
Kaffee, Bagels und so weiter. Wir futtern, bis es allen schlecht zu
werden droht, und wünschen und frohe Weihnachten.
Da es mal wieder Zeit ist, Lebensmittel einzukaufen, redele ich los,
um den Aldi-Laden zu finden, von dem ab und zu gemunkelt wird. Der
ist letztendlich noch näher an unserem Haus als der Nowell's
Supermarkt, in den ich sonst immer gefahren bin (an der Kreuzung
North Garth/Business Loop, falls es jemanden interessiert). Das
Ladenkonzept ist geradezu identisch mit deutschen Aldis: Paletten,
Kartons, sogar Pfandmünzen für die Einkaufswagen. Personal
ist knapp und die Kundschaft besteht aus älteren Leuten, Arbeitern
und Studenten. Der Laden steht im krassen Gegensatz zu den anderen
Supermärkten, wo einem überfreundliche Bedienungen jeden
Wunsch von den Lippen ablesen und alles einen Touch überflüssigen
Luxus beim Shopping hat. Andererseits ist Aldi dafür konkurrenzlos
billig: Toastbrot kostet ein drittel bis ein fünftel dessen, was
es woanders kostet. Andere Sachen wie Nudeln, Saft und Gemüse
sind auch radikal billiger.
Danach fahre ich noch bei Nowell's vorbei, eine Flasche grünen
Tabasco für Chris Blum
kaufen, die ich ihm zusammen mit seinem neuen Daunenschlafsack schicken
will.
Abends lerne und koche ich, und das war's.
- 30.11.95: Journalism-Lab am frühen Morgen, und
nachmittags gibt es
ein Databse-Präsentations-Fiasko dank fehlerhafter Technik,
lansamer Rechner und ungenügend dokumentierter Software
(Oracle Forms). Diese Vorkommnisse fühen unserem ambitionierten Jungdozenten
der
Datenbankvorlesung ein paar Schwächen seiner Vorlesungsstrategie
vor Augen. Danach kümmere ich mich um meine Projects, und um
fünf Uhr ist Badmintonspielen angesagt.
Um halb acht findet an der School of Journalism ein Vortrag mit
Diskussion zum Thema 'Representation of Sexuality in the Media"
statt. Die war zwar interessant, hätte aber besser "Representation
of female sexuality..." gehießen. Das Video "Dreamworlds" -
was ich aus der 'Rape Awareness Week' schon kannte - wurde ausschnittweise
gezeigt, einige stereotypisierende Werbeanzeigen und einige statistische
Daten zum gezielten Marketing von Stereotypen durch die Musik-,
Kosmetik- und Modebranche und anderes wurde vorgeführt.
Auf eine Frage meinerseits konnte die Dozentin leider auch keine Quellen
für ähnliche Unetrsuchungen mit dem Schwerpunkt auf
Männerstereotypen nennen.
Abends ruft Sebastian an, und Gabi und ich radeln auf etwas Bier und
Gespräch bei ihm vorbei.
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Lothar Fritsch, fritsch@fsinfo.cs.uni-sb.de, PGP-Public-
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