Abenteuer Amerika - zwei Semester in Missouri
5.November 1995
Abenteuer Amerika
Zwei Semester in Missouri
Tagebuch - chronologisch geordnet
Oktober 1995
Dies ist laut einiger Plakate der "Alcohol Awareness Month". Gleichzeitig
findet auch das Oktoberfest in Herman statt.
- 1.10.195: Lernsonntag. Natürlich brennt die Sonne
heiß und von einem wolkenlosen Himmel, wie es nur kurz vor
Klausuren passiert. Gegen drei Uhr nachmittags radeln Gabi und ich
zur Uni, um noch etwas Computerarbeit zu erledigen. Broadway, 9th Street
und ein paar Seitensträßchen sind für die heutige
"Oldie Car Show" gesperrt: vom Ford TT, einem rostigen Uralt-Lkw bis
hin zu 70er-Sportwagen stehen alle möglichen amerikanischen
Traumautos am Broadway aufgereiht. Wir spazieren eine Runde, Gabi
macht ein paar Fotos und dann essen wir ein Eis im Eiscafe an der Ecke
9th/Cherry Street.
Im Lab gehen mir die Computer schnell auf die Nerven, und ich fahre
nach einer Stunde wieder nach Hause. Dort lese ich in meinen Büchern
und fange schließlich an, das Kartoffel-Spinat-Gratin für
die Dinner-Party zu machen.
Gabi kehrt das Wohnzimmer und die Küche, ich bereite das Gratin
vor und dusche, gerade rechtzeitig, bevor um Punkt acht Uhr tatsächlich
jemand pünktlich kommt. Nach und nach trudeln eine Menge Leute ein:
eine namenlose Holländerin,Mary,Janice,Bernhard,Etienne,Eric,Lore,
Dorothee,Nicole,Brian,Sebastian,Cory und andere. Interessanterweise
konnten sich von den Amerikanern (ich nenne keine der über 10 Namen)
mal wieder keiner innerhalb von drei Tagen entscheiden, mitzumachen. Irgendwie
sind sie amerikanischen Studierenden auffällig unflexibel.
An Gerichten für's Dinner kamen insgesamt zusammen:
- Tomatensuppe mit Kräutern aus frischen Tomaten
- ein Kartoffel-Spinatgratin
- Brothäppchen mit gefüllten Pilzen
- zwei Bleche Pizza
- ein frischer Hefekuchen
- Chicken Wings
- Knabberkram
- Bier, Wein, Likör und Whiskey
Gegen Mitternacht gehen die Leute langsam, Gabi, Sebastian und ich
räumen auf und trinken noch einen Scotch, bevor wir ins Bett
gehen.
- 2.10.95: Es gibt nichts aufregendes zu berichten. Zwei
Vorlesungen, lernen für die Klausuren morgen und am Mittwoch,
ein kleiner Einkauf und schönstes Wetter (eben das übliche
Vorklausurenwetter). Zwischendurch rufe ich mal etwa ein Dutzend
Firmen für Wanderzubehör an, die gebührenfreie 1-800-Nummern
haben, um mir Kataloge schicken zu lassen. Ein Anruf bei MSR, dem
Exklusivdistributor für Trangia-Kocher (meinem Campingkocher)
ergibt, daß es dafür leider keinen Benzinkochereinsatz gibt, der
speziell eingepaßt wäre. Aber es gibt eine Art Bodenplatte
mit Vorheizung des Spiritus', damit der Kocher auch bei extremer Kälte
noch gut funktioniert.
Im Computer Lab lese ich mal wieder die Lokalnachrichten der
Saarbrücker Zeitung. Heute
erweist sie sich als besonders visionär: Obwohl es erst 2.Oktober,
abends, ist, schreibt sie über eine gut besuchte Bahnhofstraße
und hohes Verkehrsaufkommen in der Landeshauptstadt am morgigen
3.Oktober - dem Tag der deutschen Einheit. Ob sie wohl einen
Wahrsager befragt haben?
Am Abend ist wieder Tanzkurs. Was gibt es darüber viel zu erzählen?
Eigentlich nichts.
Zu Hause gelingt es mir dann, mit einer Email-Bekanntschaft zu telefonieren,
zu der der Kontakt vor etwa einem Jahr abgebrochen ist. Immerhin, sie
konnte sich noch an mich erinnern.
Das war dann auch schon der Montag.
- 3.10.95: Heute schreibe ich meine erste Klausur, und
zwar in "Database Managment Systems". Zuvor ist jedoch wieder Arbeit
bei den Journalisten angesagt. Heute darf ich nach Benutzungsvereinbarungen
anderer WWW-Anbieter recherchieren, damit der Digital
Missourian (der inzwischen die vor einigen Wochen von mir erstellten
Farben benutzt) seine eigene Ordnung
zusammenbasteln kann. Der Schwerpunkt meiner Recherche liegt bei
Abschnitten, die die Nutzenden darauf hinweisen,
daß im Internet (was natürlich vor allem außerhalb
der eigenen Festplatten meint) Material existiert, welches Nutzende
schockieren könnte. Vor allem für Kinder gilt die Informationsfreiheit
hier gar nicht und die Verfassung auch nicht. Beispiel gefällig?
Bitte Abschnitt
Nummer 3 des "Acceptable Use Contract" einer Schule lesen. Bis um
10 Uhr habe ich einen beachtlichen Stapel Papier produziert, der auch
sofort an die entsprechenden Stellen weitertransportiert wird (war's
der betriebseigene Anwalt? Die Cut-and-Paste-Abteilung?).
Bis kurz vor 1 Uhr bin ich zu Hause, lese meine Karteikarten, koche
mir ein paar Nudeln zum Mittagessen und fahre zur Bank, um mich über
Sperrung von Schecks schlau zu machen, weil Adam den Mietscheck verloren hat.
Die Roosevelt Bank will $15 dafür haben, daß die Schecknummer
für 6 Monate in ihren Computer eingetragen wird. Das ist mir zu teuer,
denn schließlig gibt es genau eine Person, die den Scheck unter
Vorlage eines Ausweises einlösen könnte - Adam. Und der bekommt
ja auch zukünftige Mieten.
Um 1 Uhr treffe ich noch kurz Gabi, die mir für die Klausur die
Daumen drückt. Dann ist es soweit: meine erste Klausur in Amerika.
Wir bekommen ca. 10 zusammengeheftete Seiten. Darauf sind 35 Multiple
Choice - Fragen, ein Datenbankdesign via E-R-Diagramm und vier
Normalisierungsprobleme. Alleine für die Multiple Choice - Fragen
gibt es bereits 70 der 100 Punkte. Alles in allem würde ich die
Klausur als relativ einfach bezeichnen - eher ein Gedächtnistest
als eine schwere Prüfung. Aber die Mehrheit der Punkte für die
Endnote der Vorlesung kommt ohnehin aus dem Projekt.
Nach der Klausur fahre ich nach Hause (auf der Fahrt bremst ein Mann im
Geländewagen mich aus und drängt mich auf die Gegenfahrbahn,
weil es ihm scheinbar nicht paßt, daß er eine Weile hinter einem
Fahrrad herfahren mußte. Die Campuspolizei meint, ohne Zeugen
könne man da eh nichts machen und verspricht mir, den Fahrer anzurufen,
da ich sein Kennzeichen weiß, um ihn daran zu erinnern, daß
Fahrräder keine Karosserie haben) , mich ausruhen und in die
Unterlagen für die morgige Betriebssystemvorlesung 'reinschauen.
Schließlich packe ich meinen Rucksack und die Klettersachen und
radele zum Journalistenseminar.
Im Seminar erzählt uns eine Anwältin über rechtliche
Aspekte von Veröffentlichungen in Computernetzen mit Fallbeispielen
zu übler Nachrede, Copyrightverstößen, Problemen mit
verschiedenen Gesetzen in verschiedenen Ländern und so weiter.
Nach dem Seminar mache ich mit Konstantin ab, daß er mir am
Donnerstag sein Stativ ausleiht.
Im Capen Park klettern wir -
heute auf ein paar anderen Routen - bis zur Dunkelheit. Ich bezahle
meine $15 Clubbeitrag für das Jahr und informiere mich über
die Prodzedur, mit deman die Klettererlaubnis für die Kletterwand
im Recreation Center
bekommt.
Gegen 7:30 am Abend bin ich wieder zu Hause, mache Abendessen und lese
meine Karteikarten zur Betriebssystemvorlesung. Gegen 9 Uhr radele ich
-bewaffnet mit Lehrbuch und Ohrstöpseln - ins Shakespeare's, um
zu sehen, ob trotz Klausurwoche ("Midterms") und Film der European
Students Association jemand zum Stammtisch kommt. Es taucht niemand auf,
bis Gabi aus der Bibliothek kommt und kurz darauf Rainer (der Chemieprofessor)
sich zu uns gesellt. Gegen 11:30 gehen wir alle nach Hause.
- 4.10.95: Dieser Mittwoch beginnt mit einer Klausur.
"Operating Systems 1" wird geprüft. Die Klausur ist wieder
überwiegend Multiple Choice oder Fragen, die stichwortartige
Antworten erfordern. Die Klausur ist nicht zu schwer (ich habe mal
wieder zu viel gelernt), bloß etwas zuviele Fragen für
die 40 Minuten Zeit, die man dafür zur Bearbeitung hatte. Wie
gestern habe ich auch hier den Eindruck, daß die Klausur eher
ein Assoziationstest als eine Prüfung in der Art, wie ich sie
von zu Hause kenne. Das Ergebnis
dürfte daher ganz gut sein.
In der einstündigen Lücke zwischen OS1 und AI1 mache ich
noch schnell meine Hausaufgaben für AI1: Implementieren einer
Grammatik und Paring derselben in Prolog. Das ist so einfach, man
glaubt es kaum, wenn man imperative Programmiersprachen gewohnt ist.
Um 12:30 treffe ich Gabi nach einem Besuch beim Koordinator für
Studierendenorganisationen beim Kaffeklatsch der Franzosen. Lore und
Christina und viele Andere sind auch da. William läßt sich
für einen Fotokurs von einem Kommolitonen die ganze Zeit fotografiern,
damit er genügend Material für Experimente im Fotolabor hat.
Ich frage herum,
ob jemand Lust hat, am Wochenende bei den
Finger Lakes zu zelten. Aber
sofort entscheiden kann sich natürlich niemand.
Da das Wetter sonnig ist und ich mir den Rest des Tages freinehmen will,
radele ich nach einem Nickerchen mit Gabi in einem der Parks auf dem Campus
nach Hause, hole meine Kamera und beginne meine erste Fototour durch
Columbia. Schon in der 8.Straße, nachdem ich auf ein Parkhaus
geklettert bin, um einen guten Blick auf das Gerichtsgebäude zu
haben, gibt es erste Schwierigkeiten: mein Hinterreifen ist schon wieder
platt (warum eigentlich immer der Hinterreifen? Da muß man immer
so viel fummeln, um den Schlauch zu wechseln). Ich trage also das Rad
nach Hause, setze meinen letzten Schlauch ein (jetzt muß ich die
anderen beiden endlich mal flicken) und lasse die Kette aus der
Gangschaltung springen, was mir schmutzige Hände und viel Raterei
ob der richtigen Plazierung der Kette auf den Zahnrädern beschert.
Meine Tour geht weiter in Richtung des Wasserturms, dann über den
Broadway, wo ich zufällig am alten Friedhof vorbeikomme. Da ich noch
keinen amerikanischen Friedhof gesehen habe, und die Leute per Auto
'reinfahren, fahre ich per Fahrrad durch. Der Friedhof ist eine Art
Parkanlage, auf der große, alte Bäume auf gemähter
Wiese stehen. Die Wiese ist in Parzellen aufgeteilt. Diese sind aber]
nicht markiert, so daß die Grabsteine und -platten einfach auf
der Wiese stehen. Zumeist - zumindest bei Familiengräbern - gibt
es eine Art Monument (meistens eine Säle oder einen großen,
behauenen Stein) und davor liegen nebeneinander vermutlich an der Stelle,
an der die Särge oder Urnen begraben sind, eine Reihe steinerne
Grabplatten mit den Namen der Toten. Alle Monumente oder Steine sind
in weißem oder grauem Stein gehalten, die Formen sind vielfältig:
antike Säulen, Quader, aus Stein gemeißelte Tore ... im Sonnenschein
und wegen der parkartigen Umgebung fühle ich mich eher wie auf einem
Abenteuerspielplatz als auf einem Friedhof. Hier gibt es auch keine
penibel hergerichteten Blumenbeete wie in Deutschland, einfach nur die
Wiese und die Steinmonumente.
Einige Ecken haben es mir besonders angetan: eine Szene, die aus dem
beliebten Spiel "Marble Madness" stammen könnte, eine Gruppe
kleiner verzierter Türmchen und eine Gruppe von hohen Säulen,
die alle rechteckigen Querschnitt haben und wie ein überlebensgroßes
Schachspiel aussehen. Die Fotos sind hier zu
finden.
Ich radele weiter in Richtung Jesse Hall, nachdem sich am West Broadway
leider kein Gebäude findet, welches sich erklettern läßt,
um einen freien Blick auf ganz Downtown Columbia zu haben. Ein paar Bilder
von den Säulen und Jesse Hall gemacht - dann fahre ich nach Hause
meine Sportsachen für das Karatetraining packen.
Nach einer dreiviertel Stunde aufwärmen üben wir die ersten
Techniken - und natürlich sind Fußstellung und Bewegungen
anders als die, die ich vor Jahren beim Ju-Jutsu gelelernt habe, was
für erhebliche Schwierigkeiten sorgt. Aber Spaß macht's, und
der Trainer verspricht, daß wir nächste Woche am Donnerstag
Bogenschießen.
8 Uhr. In Ellis Auditorium läft - für Studierende kostenlos -
"Duck Soup"
von den Marx Brothers. Gabi kommt auch. Der Film ist
ein Klamaukfilm über einen Regierungschef eines kleinen Landes,
der sich mit seinem Amtskollegen eines Nachbarlandes streitet, den
Krieg erklärt und ihn Klöße werfend
auf dem Schalchtfeld des Slapstick entscheidet. Ganz witzig, muß
man aber nicht gesehen haben.
Danach fahre ich mit Gabi nach Hause, und der Tag ist zu Ende.
- 5.10.95: Im Journalisten-Praktikum haben wir heute
morgen freie Hand, weil keine dringenden Arbeiten anliegen. So
suche ich ein wenig nach Realisationsmöglichkeiten meiner
Projektideen. Konstantin hat mir sein Fotostativ mitgebracht, und so
kann ich heute vielleicht ein paar Nachtaufnahmen von Columbia machen.
Ich finde heraus, daß die Journalisten im "Newsroom" des Missourian
gleich zwei Dia- und Filmscanner haben, in die man sogar die kompletten
Filmstreifen einlegen kann. Und es scheint kein größeres
Problem zu sein, sie abends zu benutzen
Um 1:15 Uhr ist wieder Datenbankvorlesung (es gibt die Klausur
zurück
und ich habe 80 von 100 Punkten), danach treffe ich zufällig
Gabi und mache mit Lim eine Verabredung für morgen, um am Datenbankprojekt
zu Arbeiten, dessen erste Phase nächsten Donerstag abläuft.
Um 5 Uhr treffen Lore, Nicole, Gabi und ich zum allwöchentlichen
Badmintonspiel im Recreation Center ein. Um halb sieben spielen Gabi und
ich noch eine Runde bei den Intramurals mit, verlieren aber wieder - diesmal
haushoch.
Gabi trifft sich um 8 Uhr mit jemanden, und ich gehe zur Clubversammlung
des Kletterclubs. Dort passiert nicht viel erwähnenswertes, außer
daß die Outdoor-Sportabteilung der Uni über die Anschaffung
einer neuen, hohen Hallenkletterwand nachdenkt und anfragt, ob der
Club bei der Betreuung der Wand helfen kann.
Danach radele ich nach Hause, packe meine Fotosachen und mache eine Tour
durch Columbia bei Nacht. Gegen 11 Uhr bin ich wieder zu Hause, und damit
ist der Tag gelaufen. Aus Gerüchten und Andeutungen folgend scheint
sich bei der European Students Association einiges zu tun und eine ganze
Menge Leute um die ESA herum scheinen eine ganze Menge Meinungen auf
vielen diplomatischen Kanälen zu verbreiten. Zu früh gefreut -
konkreter werde ich nicht ;-)
- 6.10.95: Heute morgen hat Adam den Gerichtstermin, bei
dem die Höhe unseres "Noise Disturbance Tickets" festgelegt wird.
Es kostet 70 Dollar, als er kurz darauf nach Hause kommt.
Ansonsten ist Studieren ist angesagt.
Nach dem Mittagessen
treffe ich Lim, um an unseren Datenbanksachen zu arbeiten. Später
am Nachmittag sitze ich im Computerlab und schreibe die Beschreibungen
ins Reine.
Abends um 8 Uhr ist der Herbstball des Tanzclubs, bei dem Gabi und ich
den Tanzkurs belegen. Leider sind überwiegend Leute im Rentenalter
und der Anfängerkurs da, so daß wir uns bald wieder verziehen.
Da ich furchtbar verschnupft bin, gehen wir nach einer Runde Schach und
einem Glas Wein ins Bett.
- 7.10.95: Endlich wieder Samstag. Gabi und ich räumen
unsere Zimmer auf, putzen ein wenig den nötigsten Dreck weg,
frühstücken spät und gehen 'rauf in die Walnut Street,
wo das "Fall Festival" stattfindet - ein Straßenfest mit ein paar
Bühnen für Tanz- und Musikgruppen und etwa 30 Ständen
mit Schmuck, Kunst oder Studierendenorganisationen. Da das Wetter
schön ist, legen wir uns auf die Wiese am Courthouse Square,
essen etwas, hören erst einer Counrty-Band und dann einer
Trommelgruppe zu und schließlich fahren wir wieder nach Hause.
Gabi geht zum Lernen in die Bibliothek, und ich fahre zu Konstantin,
dem Fotografen, um ihm sein Stativ zurückzugeben. Wir plaudern
ein wenig, und er zeigt mir einen Stapel seiner schwarz-weiß-
Bilder (von denen er mir auch noch ein paar schenkt).
Danach radele ich in den Capen Park und
spaziere durchs Gestrüpp und erkunde die Umgebung.
Auf dem Heimweg mache ich einen Abstecher über den Eastgate
Supermarket und kaufe etwas Gemüse und Käse für das
Abendessen. Ich bereite überbacke Spaghetti mit Zucchini, Paprika und
Pilzen vor und dazu gibt es einen Rotwein (Cabernet Sauvignion) und einen
Schluck Portwein. Gabi kommt vom Lernen nach Hause, und wir futtern.
Danach spazieren wir durch Columbia, essen ein Eis in der 9th Street und
setzen uns eine Weile auf die (heute beleuchteten) Säulen vor
Jesse Hall. Als es uns trotz Vollmond zu kalt wird, gehen wir wieder
nach Hause.
- 8.10.95: Sonntag. Gabi und ich radeln am frühen
Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein in den
Capen Park. Dort sind heute die
Kletterer in Scharen eingefallen, um das schöne Wetter zu nutzen.
Auch einige Leute vom Club sind da. Wir spazieren ein wenig in der
Gegend rum, um uns dann anschließend oben auf die
Klippenkante zu setzen und einfach eine Weile die Sonne und den Wald zu
genießen.
Den Rest des Nachmittags verbringen wir mit Studieren, Computerkram und so
weiter.
Nach einem überbackenen Gemüseauflauf packen wir den Campingkocher
und Glühwein ein und fahren wieder in den Capen Park. Heute Nacht
ist nämlich immer noch Vollmond und wir wollen einen Nachtspaziergang
machen. Im Park setzen wir uns auf die Klippe, kochen Glühwein und
sitzen im Mondelicht, bis wir müde sind.
- 9.10.95: Außer Studieren und Tanzkurs ist heute
wirklich nichts zu berichten. Bernhard hat die Papers über die
Gründung einer Students Organization und die Satzung der ESA
bekommen, damit er sich auf die Sitzung am Mittwoch vorbereiten kann -
er hat angedeutet, die Sitzung zu leiten und sich um eine Satzung zu
kümmern.
Am kommenden Donnerstag ist die erste
Phase des Datenbank-
Projekts
fällig und am Freitag ist AI-Klausur. Also wird bis Freitag nicht
viel los sein.
Heute beginnt eine Woche mehr oder weniger uninteressanter Veranstaltungen,
die den Namen 'Missou Homecoming'
haben. Ausfallendste Veranstaltung:
der 'Blood Drive' - eine Blutspendeaktion, bei der der Verbindung, die
den Prozentual höchsten Anteil Blut gespendet hat, eine Prämie
von einigen hundert Dollar bekommt. Endlich mal eine wirksame Maßnahme,
Fraternities zu bekämpfen... Kristie versucht, Chris und Adam
dazu zu überreden, für ihre Verbindung Blut zu spenden.
- 10.10.95: Dieser Dienstag ist nicht nur voll wie immer,
in den Pausen arbeite ich am Datenbankprojekt
und an den Hausaufgaben für Operating Systems One. Einziges Highlight
des Tages: das Klettern im Capen Park
am späten Nachmittag.
Zum Deutschstammtisch treffe ich Gabi, und wir finden uns alleine bei
Shakespeare's wieder. Also gehen wir kurzerhand ins neu eröffnete
"Music Cafe" und essen leckeren Kuchen und trinken eine Limo. Außerdem
kann man hier Unmengen von gebrauchten CD's durchstöbern und im
Cafe gibt es mehrere CD-Player mit Kopfhörern zum Probehören.
Danach gehe ich wieder in den Computerraum und Gabi nach Hause, um sich
für den nächsten Tag vorzubereiten. Nach Mitternacht komme
ich nach Hause, um gerade noch das Ausklingen eines der üblichen
Besäufnisse zu erleben: Adam trägt Lisa in ihr Zimmer, Chris
sperrt sich mit seiner Freundin ein und der Dreck bleibt liegen.
Immerhin ist damit einigermaßen Ruhe ins Haus eingekehrt, wenn man
von rhythmischem Quietschen mal absieht.
- 11.10.95: Morgen ist Deadline für Phase 1 des
Datenbankprojekts.
Horror. 9 Stunden am Rechner, wahlweises
Ärgern über unflexible oder unvollständige Software,
dumme Betriebssysteme, Fehler in den Papers und so weiter. Dazwischen
hin und wieder ein paar Vorlesungen und einen Happen Fastfood.
Gegen 10 Uhr abends sind wir fertig, und ich fahre noch beim Kopierladen
vorbei, um Kopien zu machen und einen Binder zu kaufen. Danach falle
ich erst mal ins Bett.
Bei der European Students Association, die heute abend eine Sitzung
hatte, während ich am schreiben war, hat sich einiges getan.
Nathalie ist als Präsidentin zurückgetreten (weil sie keine
Zeit hat, eine Organisation dieser Komplezität zu leiten),
die Deutschen haben die letzten paar Emails nicht bekommen (unter
anderem auch die, in der ich durch Nathalie der üblen Nachrede
bezichtigt werde - es war natürlich ein Softwarefehler und keinesfalls
irgendwie beabsichtigt), und Renee darf die Satzung und die Wahlen
organisieren. Es gibt eine
Satzungskommission, und auf der übernächsten Sitzung soll
gwählt werden. Diese Informationen sind aus zweiter Hand.
- 12.10.95: Morgens im Journalism-Praktikum suche ich
nach Audio- und Videoproduktionssoftware und 'Viewer' Software für
die IBM-kompatiblen PC's. Leider sind keine Handbücher da, die
die Soundkarten dokumentieren, Software scheint auch keine installiert
zu sein und die gefundene Software lamentiert: "No audio drivers found."
Vermutlich erleichtert es die Sache nicht gerade, daß die PC's
unter OS/2 laufen.
Danach kaufe ich mir ein Kaffeestückchen bei der St.Louis Bread
Company und fahre nach Hause, um für die morgige AI-Klausur zu
lernen. Leider geht das nicht so einfach, nach dem Streß von
gestern und vorgestern will nicht mehr so viel in meinen Kopf.
Um 1:15 ist Abgabe der Datenbankmappe, danach lerne ich weiter, und von
5 bis 6 Uhr spiele ich mit Gabi, Lore und Bernie Badminton. Danach geht
die Lernerei weiter, bis ich nicht mehr kann.
- 13.10.95: In Operating Systems gibt es heute morgen die
Klausur zurück. Ich habe 90 von 100 Punkten.
Danach setze ich mich an den Brunnen vor
Brady Commons und lese mich ein letztes Mal durch meine Karteikarten
und Buchkapitel für Artificial Intelligence. Dann ist es soweit:
11:40, Klausurzeit. Die Klausur scheint gar nicht so schwer zu sein,
wie ich erwartet hätte, und es kommen nur zwei Fragen vor, die
ich nicht beantworten kann - dann scheint sie trotz minimaler Vorbereitung
vielleicht ja doch nicht total in die Hose zu gehen. Den frühen
Nachmittag verbringe ich mit der Suche nach Büchern in den beiden
Bookstores, die beide nicht in der Lage sind, mir auf irgendeine Weise
Listen der Neuerscheinungen des zweiten Halbjahres 1995 zu besorgen,
auf das ich mein neues Buch über neue Medien finden kann. Ich
wühle mich durch die Regale und werde schließlich beim
Bookstore in Brady Commons fündig. "The future does not compute"
heißt das gut Stück, ist brandneu und betrachten die ganze
Interneteuphorie in der amerikanischen Gesellschaft aus einem ziemlich
kritischen Blickwinkel. Dazu fallen mir noch ein paar andere recht
vielversprechende Bücher in die Hände:
- A mathematician reads a newspaper (wir analysieren mit Mathematik
und logischem Verstand Zeitungsartikel und entdecken eine Menge Schwachsinn)
- Who owns Information? (über Copyright, Informationsfluß
und Massenmedien)
- Softcore (über die Pornohysterie und ihre gesellschaftlichen
Auswirkungen)
Am Ende zahle ich knapp über 70 Dollar, und habe einen Stapel
interessanter Lektüre.
Mittags schaut die silbergraue
Katze aus der Nachbarschaft wieder vorbei und hat keine Lust, zu
gehen. Gabi ist ganz aus dem Häuschen und so darf die Katze bei uns
übernachten. Natürlich ist an Ausgehen nicht mehr zu denken,
wenn so eine süße Kuschelkatze vorbeischaut.
- 14.10.95: Die Katze geht, der Morgen vergeht. Wir
frühstücken, ich lese meine Bücher, radele beim Newsroom
des Digital Missourian vorbei, um meine Dias zu scannen, aber leider ist
der Diascanner gerade irgendwo unterwegs in Nebraska, um den Bericht
vom Tigers gegen Nebraska-Footballspiel fertigzumachen.
Ich mache ein paar Notitzen im Tagebuch, schaue ab und zu bei den
Journalisten vorbei, und es wird Abend. Natürlich ist die Katze
wieder da, als ich gegen 5:30 nach Hause komme. Chris hat sie richtig
ins Herz geschlossen und füttert sie sogar (natürlich wird
sie deswegen jetzt noch öfters kommen). Gabi kommt später aus
der Bibliothek zurück, wir kochen Abendessen, knuddleln die Katze
und beschließen, heute abend endlich mal auszugehen und die Katze
an die Luft zu setzen, damit sie nach Hause geht.
Kurz bevor wir weggehen, tritt Chris mit der Bitte, doch mal eben noch
mit ihm Einkaufen zu fahren an uns heran, und so geht Gabi mit ihm
Einkaufen (weil man nämlich zum Erwerb bestimmter Produkte hier
21 Jahre odel äter sein muß).
Ziel unseres heutigen Ausgangs ist "Lou's Palace", ein Club nur eineinhalb
Blocks entfernt von der 9.Straße in der Walnut Street. Der Club
weckt meine Neugier aus zwei Gründen:- Nachdem ich in einigen
der anderen Discotheken und Kneipen war und nirgendwo die nicht geringe
schwarze Bevölkerung von Columbia so richtig präsent war, habe ich
'rumgefragt, warum denn die Schwarzen nie in den Discos seien. Die Antwort
war: "die sind bei Lou's, da sind nur Schwarze."
Mike, der Boß
von Adam, meinte sogar, er könne mir nicht empfehlen, da hinzugehen,
weil einige Leute dort Probleme mit meiner Hautfarbe haben könnten.
- Die Zeitung berichtete vor einigen Wochen von einer größeren
Schlägerei zwischen der Polizei und Gästen auf einem Parkplatz
neben Lou's, und in der Folge dieser Aktion (die nach der Sperrstunde
stattfand) flogen wilde Beschuldigungen zwischen schwarzen Aktivistengruppen,
der Polizei und dem Rathaus hin und her.
Aus diesen Gründen und einigen anderen (zum Beispiel, daß
sich trotz scheinbarer Freiheit die Schwarzen und Weißen trennen
und sich lieber mit Vorurteilen volladen, als einfach irgendwo hinzugehen)
wollen wir uns den Laden heute abend mal angucken.
Wir bezahlen drei Dollar Eintritt, und alle Gäste werden beim Eintreten
auf Waffen (oder mitgebrachte Flaschen?) durchsucht. Drinnen hat der
Laden eine Holzeinrichtung, im vorderen Teil eine lange Bar, ein paar
Stehtische und Automaten, und im hinteren Teil eine Tanzfläche
und viele Tische und Stühle, allerdings voll im Bereich der
natürlich viel zu lauten Musik. Wir scheinen gerade mit der Hauptwelle
der Besucher zu kommen (es ist halb elf), und tatsächlich sind
bis auf einen weißen Mann und drei Frauen nur Schwarze da - ich
schätze mal so 200 bis 300 Leute, kann hier aber duchaus stark
daneben liegen, weil die Disco recht unübersichtlich ist.
Wir fallen natürlich auf, was sich aber nur dadurch äußert,
daß und die Leute etwas genauer angucken. Wir trinken ein Bier, und an
unserem Stehtisch spricht mich ein vom Alter her schwer einzuschätzender
Mann an, woher wir kämen. Er heißt Alan. Es stellt sich heraus, daß er
jahrelang als Soldat der US-Armee in Miesau (bei Homburg, Saarland)
stationiert war und sowohl Kaiserslautern wie auch Saabrücken gut
kennt. Er hat eine Deutsche geheiratet, sein Frau arbeitet als
Kindergärtnerin in Columbia und sein ältester Sohn lebt in
München. Bald gesellt sich ein zweiter Mann zu uns, und er war als
Soldat in der Nähe von Mainz. Die Welt ist klein.
Wir reden und trinken noch ein paar Bier (Alan schmeißt eine Runde)
und um ein Uhr beginnt die Sperrstunde - die Lichter gehen an und der
Laden macht zu. Draußen gibt es keine Straßenschlacht, und
der Besuch war interessant. Auch unter dem Aspekt, daß das Publikum
hier nicht ausschließlich aus Studierenden, die gerade dem
Teenageralter entsprungen sind, bestand. Rassismus habe ich eigentlich
keinen bemerkt, bis auf ein paar abfällige Blicke von ein paar
Leuten, aber das waren auch nicht mehr als wenn ich nach dem Klettern
Dienstags mit den Wanderklamotten und -stiefeln in Shakespeare's Pizza
auftauche.
Wieder zu Hause, finden wir die graue Katze
schlafen auf einem Küchenstuhl. Wie uns Lesa berichtet, hat sie vor
der Hautür miaut, bis sich jemand erbarmt hat und sie reinließ.
Gabi ist begeistert, und wir nehmen die Katze mit 'rauf und sie darf wieder bei uns
schlafen.
- 15.10.95: Heute stehen wir spät auf. Die Katze hat
sich bereits um 5:30 nach draußen bringen lassen. Gabi und ich
frühstücken und schlagen Lesa vor, nach Herman aufs
Oktoberfest zu fahren. Lesa will, aber nur, wenn Adam will. Wie sich
später herausstellt, hat Adam aber keine Lust, und mein bekannter
aus dem Journalismus-Seminar, der mir letztes Wochenende zugesagt
hat, heute zu fahren, muß mit einem Freund Autos begutachten.
Ich freunde mich gerade mit dem Gedanken an, angesichts des warmen,
windstillen sonnigen Wetters in den Rockbridge Park zu radeln, der etwa
zehn Meilen südlich von Columbia liegt und in dem es eine Höhle
mit dem vielversprechenden Namen "Devil's Icebox' gibt, in der man
schwimmenderweise und kletternd ganze Labyrinthe erkunden kann, als Lesa
den Vorschlag macht, zum Pinnacle
Youth Park zu fahren. Wir stimmen zu, und nach einem kurzen Imbiß
und einem Besuch der Katze fahren wir los. Kristie, die Freundin von
Chris, fährt ebenfalls mit, und ich nehme meine Kamera und etwas
zu Essen und zu trinken mit. Der Park liegt in der gleichen Richtung
wie der Finger Lakes State Park,
nur ein paar Meilen weiter. Wir wandern über einen steinigen Pfad
einen Berghang hinauf (nachdem ich es mir nicht nehmen ließ,
über eine alte, baufällige Brücke, die nur noch aus
ihren Stahlträgern bestand, zu klettern) und erreichen oben auf
dem Hügel die erste der Steinspitzen - ein "Pinnacle".
Der Wald ist in herrlichen bunten Herbstfarben, die Sonne scheint und
mir begegnet die erste Schlange meines Aufenthalts. Sie ist lang,
dünn, schwarz und überraschend schnell für ein Tier
ohne Extremitäten. Sie ist zu schnell, um sich irgendwelche Muster
auf ihrer Haut zu merken, und so weiß ich nicht einmal, ob sie
giftig war oder nicht.
Die Pinnacles sind eine Reihe Felstürmchen, die durch Erosion
in der Mitte einer Flußschleife stehen geblieben sind. Wir
spazieren (oder eher: klettern) über einen Pfad, der an der
Erosionskante entlang von Pinnacle zu Pinnacle führt. Ein
herrlicher Spielplatz für mich: ich klettere auf und um die
Felsen, mache Fotos,
versuche zum Fluß herabzusteigen und so
weiter. Gabi lernt für ihre Klausur am kommenden Dienstag,
und Lesa hört Kristie in Geologie ab.
Gegen 5 Uhr sind wir zurück, und Chris und Adam haben den
Holzkohlegrill aufgestellt und braten Würste und haben die
Biervorräte ergänzt. Ich esse ein Paar Würstchen
(von der Hamburgerschlacht sind noch ein
paar Dutzend übrig) und Gabi und ich fahren dann zum Waschsalon
und anschließend in die Bibliothek und ins Computerlab.
Dort verbringen wir den Rest des Abends.
- 16.10.95: Montag. Heute passiert nicht viel furchtbar
wichtiges. Nachmittags findet ein Empfang für die Austauschstudienten
statt - und zwar im Alumni-Center. Dort treffe ich viele der Angestellten
des International Center wieder, und es gibt Obst und andere Leckereien,
Käse und Getränke - und - man glaubt es kaum - Wein.
Abends ist der Tanzkurs (zweitletzte Stunde) und viel später
Abends gelingt es mir, bei den Journalisten den Diascanner in einem
freien Moment zu erwischen. Die Qualität ist umwerfend, verglichen
mit den Flachbrettscannern. Einige Beispiele finden sich bei den
Hot Air Balloon-Bildern, oder im New-York-Bericht
und in anderen Seiten, die auf der Bilderseite
aufgeführt sind.
Huhu Stefan, Dein Wunsch sei mir Befehl ... kein Klopapier ;-)
- 17.10.95: Im Journalisten-Computerlab arbeite ich heute
weiter an der Erkundung und Installation von Audiosoftware. Ziel ist es,
Ton zu digitalisieren und potentiellen Kunden einige PD-Programme
empfehlen oder anbieten zu können. Daß die PC's unter
OS/2 laufen, macht sich kaum störend bemerkbar - aber Handbücher
sind wie immer unauffindbar.
Um zwanzig nach zehn bekomme ich im Student
Health Center meine zweite Masernzwangsimpfung, und damit ist das Thema
dann abgehakt.
Beim zweiten Frühstück taucht die Katze mal wieder auf, und
bevor ich zur Uni fahre, setze ich sie wieder an die frische Luft.
Gabi hat ihre beiden Klausuen überstanden, und nach der
Gabi's
Homepage.
Im Seminar erfahre ich von den ungeheuren Anstrengungen, die Marketing-Leute
in ganz Amerika unternehmen, um Benutzerprofile von Netzwerkbenutzern
zu bekommen, um effektiver Werbung machen zu können. Der große
Bruder lauert auch schon in Form eines Privatunternehmens, welches
personalisierte Profile sammelt: http://www.ipro.com/ .
Das Klettern im Capen Park macht
Spaß wie immer, und um sieben Uhr koche ich mit Gabi zu Hause
Spaghetti. Den deutschen Stammtisch lassen wir ausfallen, nachdem die
letzten beiden Wochen ohnehin nichts los war. Eigentlich wollten wir
heute zum kostenlosen Bowling-Abend zu
Brady Commons gehen, aber nach dem Essen sind wir zu faul dazu. So
Lesen wir noch etwas, und ich schlafe um 10 Uhr ein.
- 18.10.95: Heute passiert einfach gar nix, was ich
nicht schon früher beschrieben habe. Ab Abend treffe ich Sebastian,
der krank ist, und plaudere mit ihm zwei Stündchen bei ein paar
Limonaden in International Cafe.
- 19.10.95: Der Donnerstag verläuft wie immer.
Auf der Wiese hinter dem Arts & Science-Gebäude wurden Zelte
und Stände aufgebaut - eine Art Marketingveranstaltung, organisiert
von einer Sportzeitung und voller ergreifender "Spiele ohne Grenzen"
wie Bungee-Run (man wird an ein Gummiseil gebunden, und rennt in einem
Luftkissen-Kanal soweit man kommt, um eine bunte Markierung auf den
Boden zu kleben. Wer am weitesten gegen das Seil kommt, gewinnt),
einer Art Zweikampf, wo zwei Leute sich mit ueberdimensionalen
Wattestäbchen von kleinen Plattformen ueber einem Luftkissen
stoßen müssen und Kegeln mit einem kugenförmigen
Stahlkäfig; in den eine Person 'reingesetzt werden kann. Dazu
gibt es natürlich jede Menge 'Free Stuff' - Werbegeschenke wie
Weichsp&uumm;lerprobepackungen, Werbeposter, Parfümproben und
Aufkleber. UNd überall Preisausschreiben mit so verdächtigen
Fragen wie "Your annual income?", "Your major?", "Do you plan to
buy a videogame during this semester? Which one?".
Das Badmintonspielen am Nachmittag praktiziere ich heute mit Nicole
alleine, weil Gabi sich an einer Schraube einen Finger verletzt hat
(und zwar an Chris' Tür).
Lange spielen wir ohnehin nicht, denn um 6 Uhr absolviere ich heute
meine "Climbin Wall Orientation", auf daß ich endlich den
Kletterpaß für die Kletterwand bekomme. Dabei passiert
nichts großartiges, außer daß wir erklärt bekommen,
daß wir für Verletzungen an der Kletterwand selbst verantwortlich
sind und daß wir nicht barfuß klettern dürfen. Ich
probiere ein Paar Kletterschuhe an, und damit klettert es sich um vieles
einfacher als mit Turnschuhen. Leider kosten Kletterschuhe im Sonderangebot
sechzig Dollar oder mehr, so daß ich mich nicht so recht dazu
durchringen kann, mir welche zu kaufen - leiht man welche bei
Wilderness Adventures von
Freitag bis Montag aus, kostet es sechs Dollar.
Nach etwa einer Stunde haben wir genug geklettert, und ich fahre bei
Etienne - einem Franzosen - vorbei, bei dem Gabi hilft, Quiche Lorraine
fuer den morgigen "International Bazar" zu backen. Die European
Students Association wird dort einen Stand haben.
Danach radele ich mit Gabi - es hat gerade aufgehört zu regnen, so
daß ich nicht nochmal naß werde - ins "Cafe Taza" in der
9.Straße. Hier gibt es nur vegetarisches Essen - ein Orientale
betreibt das Restaurant und Cafe und wir essen einige sehr leckere
und würzige Sachen zu Abend.
- 20.10.95:
Der Werbe-Jahrmarkt an der Uni geht auch heute weiter. Neben den
üblichen Vorlesungen bietet der Campus heute den 'International
Bazar' - eine Art Markt der Kulturen, auf dem sich viele Länder -
repräsentiert durch ihre Studierenden oder Associations -
vorstellen. Es gibt internationale Gerichte aus Afrika, Fernost oder
Südamerika zu probieren, Musik und traditionelle Kleidung zu
sehen. Das Wetter spielt nicht mit, es ist bewölkt, windig und
frostig. Obwohl die meisten Leute furchtbar frieren, posieren einige
thailändische Mädchen in dünnen Gewändern und
barfuß vor ihrem Stand - ud das für mehr als drei Stunden!
Einige Gruppen - zum Beispiel die Palästinenser - tanzen Volkstänze,
um sich aufzuwärmen. Die Europäer haben einen Gemeinschaftsstand
mit Vietnam und präsentieren Informationen über die Euopäische
Union und bieten Quiche Lorraine und spanischen Kartoffelauflauf an.
Nach einer Stunde verlasse ich den Markt, und fahre bei
Wilderness Adventures vorbei,
um meinen Kletterpaß für die Kletterwand im
Student Recreation Center
abzuholen. Der Nachmittag vergeht mir lernen, Tagebuchschreiben und
Kaffee trinken, und abends passiert auch nicht mehr viel, außer
daß Chris mal wieder ein paar Freunde, Bier und Brandy da hat
und der übliche Lärmpegel herrscht. Chris ist betrunken
genug, um sich auf eine Diskussion über den Sinn des Lebens
einzulassen, und läßt vom Stapel, daß er bevor er
über andere Leute nachdenkt, erst einmal nach materieller und
sozialer Sicherheit sucht und dann vielleicht anfängt, über
den Rest der Welt nachzudenken. Außerden sei die Welt eben so:
man müßte sich nicht um sie kümmern, das tun
genügend andere Leute. Die monatlichen dicken Schecks seiner
Eltern scheinen nicht sicher genug zu sein.
Heute morgen bin ich früh auf den Beinen - ich habe um 10 Uhr
einen Termin an der Kompostier-Ausstellung 'auf dem Campus:
ich nehme an einer Einführungsveranstaltung zum Thema 'Kompostieren'
teil. Der Grund dafür ist, daß die Stadt an jeden kostenlose
Kompostbehälter austeilt oder richtige Schnellkomposter
subventioniert, der an dieser Veranstaltung teilnimmt. Was ich mit dem
Komposter will, wo doch so viel Platz im Hinterhof ist? Ganz einfach:
unter den Amerikanerin im Haus hat sich die Meinung verbreitet, offenes
Kompostieren sei verboten, und die Fliegen in der Küche kämen
alle dahin, weil der Komposthaufen 20 Meter weiter im Hof hinterm
Schuppen steht. Also stelle ich den städtischen Kompostkäfig
auf, und damit ist das Thema vom Tisch.
Auf dem Hinweg radele ich allerdings in ein Hindernis: die 'MU
Homecoming
Parade', deren Ende gerade über den Broadway zieht. Der Umzug sieht
in etwa aus wie ein deutscher Fasnachtsumzug, mit dekorierten Wagen,
Marschkapellen, Tänzerinnen und Cheerleaders, drumherum massig Volk
und Feststimmung. Nur etwas frostig ist es, und ich habe mich mit dem
T-Shirt etwas in den Klamotten vergriffen.
Die Parade fährt und marschiert in einem Viereck, vom Broadway eine der
Zahlenstraßen (5. oder 6.) 'runter zum Campus, dort über
die Rollins Street in die Hitt Street, wieder in Richtung Broadway
vorbei an Memorial Union.
Nach einer Einführung ins Kompostieren, dem Austeilen von
Flugblättern und Büchern erhalte ich meinen Komposter: eine
große Rolle aus Recycling-Kunststoff, etwa so dick wie ein
Bodenbelag. Der wird zu einem Zylinder zusammengeschraubt und aufgestellt.
Wieder zu Hause, frühstücken Chris, Kristie, Adam und Lesa
gerade und vergrößern den Berg ungespülten Geschirrs.
Ich stelle den Komposter auf, und der Tag vergeht mit Lernen, Faulenzen
und so weiter.
Abends leihen wir Adams Videorecorder und Monitor aus, treffen Sebastian
im 'Cafe Taza' und leihen uns zwei Filme aus: 'Aguirre - Wrath of God' -
ein Kinski-Film und eher langweilig, deutsch mit englischen Untertiteln;
zweiter Film ist 'Priscilla - Queen of the desert' und der ist durchaus
sehenswert.
Nach den Filmen sind wir müde, und das war's für heute.
- 22.10.95: Nachmittags Einkauf per Fahrrad bei
Novell's (ich bekomme $3.70 Pfand fuer den Berg leerer Bierdosen diverser Feten
im Haus, die ich im Schuppen
angesammelt habe - es passen 74 Dosen in meinen Rucksack, wenn man die
Dosen nicht zusammendrückt). Lernen und ein wenig Klettern an der
Kletterwand sind die beiden anderen Aktivitäten des Tages.
Das Wetter ist inzwischen außerordentlich stürmisch geworden.
- 23.10.95: Heute verbringe ich den Nachmittag im Computerlab,
in der Hoffnung, in AI das aktuelle Projekt (Erkennen und Verarbeiten
natürlicher Sprache) irgendwie hinzubekommen, aber eine kräftige
Erkältung hält mich davon ab.
Am Abend ist der letzte Teil des Tanzkurses, aber - wie will man es
anders erwarten - nächste Woche beginnt der Folgekurs. Nach dem
Kurs schaue ich mir im Ellis Auditorium einen Film über das Leben
von Andy Warhol an. Er gefällt mir nicht so gut, weil er viel zu
sehr an einen Video-Clip erinnert und ich hinterher immer noch nicht
so richtig weiß was Warhol denn nun so Großartiges an
Kunst getan hat.
Das war dann auch schon der Montag.
- 24.10.95: So langsam macht sich eine Grippe bei mir breit.
Bei den Journalisten wühlen wir im Internet nach Nachrichten, danach
fahre ich erst mal nach Hause zum Schlafen. Morgen ist Deadline für
das aktuelle KI-Projekt: Erfassen, Übertragen und Ausgabe natürlicher
(englischer) Sprache in Prolog. Das ist schon ohne Fieber kompli;ziert genug, und
unter Berücksichtigung der Tatsache, daß dieses eine Projekt
unter vielen am Ende nur 15% der Endnote ausmacht, verzichte ich darauf
- die Note auf dem Schein - falls ich denn einen bekommen - wird mir
in Saarbrücken ohnehin nichts nützen - sofern ich den Schein
überhaupt anerkannt bekomme (mal ganz davon zu schweigen, daß
ich noch gar nicht weiß, ob ich KI weitermachen werde).
Da das Wetter einigermaßen schön ist, radele ich zum Klettern
in den Capen Park. Dort bleibe
ich aber nicht lange, und danach setze ich mich mit meiner New-Media-Lektüre
ins Music Cafe, wo ich bis neun Uhr abends bleibe. Danach schaue ich
bei Shakespeare's vorbei, wo sich heute schon wieder eine nennenswerte
Runde deutsch sprechender Personen trifft. Auf dem Heimweg davon
bricht mit eine der beiden Vollplastikpedalen meines Fahrrades ab.
Naja, das wird morgen repariert. Das war's.
- 25.10.95: Diesen Morgen beginne ich - mit Kopfweh - mit
einer Fahrt zum Fahrradladen in der Cherry Street. Obwohl der eigentlich
nur noblere Fahrräder verkauft, hat er ein paar Metallpedalen für
mein Rad - für sage und schreibe sieben Dollar! Für den Preis
bekomme ich sie auch noch ans Rad geschraubt.
Danach gehe ich in die üblichen
Vorlesungen, und der Nachmittag vergeht mit Schlafen, Kamillentee
trinken und Literatur lesen. Der Abend auch.
- 26.10.95: Ich bin immer noch krank.
Im Journalisten-Lab nichts Neues: wir suchen anderer Leute Nachrichten,
um sie in die Lokalzeitung einzubinden.
Danach fahre ich heim, um zu schlafen, und in der folgenden
Datenbankvorlesung
steigt mein Fieber so, daß ich angesichts der Besprechung eines der
Projekte einer anderen Gruppe die Vorlesung verlasse, um mich auszuruhen.
Später gehe ich ins Memorial Union Lab, um die Hausaufgaben für
heute zu machen. Lim hat mir eine Mail geschrieben: er hat in der Vorlesung
unser Project Paper zurückbekommen, und iwr haben 99 von 100 Punkte! Dann hat
sich die Schufterei vor zwei Wochen wenigstens gelohnt.
Erschöpft fahre ich nach Hause und gehe sehr früh ins Bett.
- 27.10.95: Der heutige Freitag verläuft wie die
letzten paar Tage: nicht besonders wach. Heute abend findet bei
Rachael eine Halloween-Party statt, die Gabi und ich aber verschlafen,
weil wir nach einem dicken Abendessen einfach einschlafen.
- 28.10.95: Samstag. Einkauf bei Osco's (wo schon die
Weihnachtsdekoraton draußen ist), Lernen und Abends gehen
wir ins Kino ('Reefer Madness' und 'Sex Madness' - zwei Filme,
die das amerikanische Volk in den 30er Jahren Moral und Anstand
lehren sollten) und danach ist
Halloween-Party bei Peter und seiner Freundin. Dort treffen Gabi und
ich viele der Leute vom 'Pause-Cafe', dem französischen
Kaffeklatsch am Mittwoch, wieder. Die meisten Leute sind irgendwie
verkleidet, und Gabi hat sich als Hexe mit einem spitzen Hut und
einem magischen T-Shirt verkleidet und ich bin ganz in schwarz und
leichenblaß geschminkt.
Die Party ist witzig, wir albern viel rum (und verwüsten unter anderem
eines der Zimmer mit Klopapierfetzen, die zu einer Schlacht benutzt
werden und kurz davor noch zu einer Mumie gehörten)
und fahren gegen zwei Uhr nachts wieder nach Hause. Es waren - da die
Gastgeberin Französisch studiert, recht viele der Französinnen
vom 'Pause-Cafe' da.
Heute nacht wird die Sommerzeit zurückgestellt
- jetzt sind es wieder sieben Stunden Zeitunterschied nach Deutschland.
- 29.10.95: Sonntag. Das Wetter hat sich wieder etwas
beruhigt. Gabi fährt zum Lernen an die Uni, und ich treffe
Sebastian, um von ihm Rat über das Auffinden mittelalterlicher
Darstellungen der Hölle, des Teufels, von Hexen und anderer
Plagen in der Bibliothek zu bekommen. Diese sollen fotokopiert und
vergrößert werden und als Dekoration unserer
Halloween-Party dienen. Danach wühle ich
mich durch die Ellis Library, und um halb Vier treffe ich an der
Pershing-Gruppe der Wohnheim ein, wo Treffpunkt zur Abfahrt zur
Kürbis-Schnitz-Party
des International Centers ist. Diese findet
auf der Veranda und im Hof von John Heyl statt, einem Mitarbeiter
des International Students Office.
Es finden sich viele der 'neuen' ausländischen Studierenden ein,
und es wartet ein Riesenhaufen oranger Kürbisse auf uns. John
erklärt uns auf die Schnelle, wie man einen Kürbis schnitzt,
und dann werden wir auf die Früchte losgelassen. Die nächste
Stunde vergeht mit Arbeit an den Kürbissen, und das Ergebnis
kann sich sehen lassen: zwei Dutzend ausgehöhlte, geschnitzte
und verzierte Kürbisse. Ich werde als letzter fertig, weil ich
eine Dämonenfratze mit vielen feinen Konturen in meinen Kürbis
schneide. Bei der Gelegenheit werden wir auch viele unserer
Einladungen zur Halloween-Party los.
Das Basteln von Kürbisfratzen hat lange Tradition - leider weiß
niemand der Anwesenden so genau, woher diese Tradition kommt. Aber jede
amerikanische Familie schnitzt einen Kürbis für Halloween und
beleuchtet ihn mit einer Kerze oder Lampe. John vermutet, daß
dies auf keltishce Bräuche in Englang zurückgeht.
Nach dem Handwerk gibt es Pizza auf Kosten der Universität:
ein Kombi voller Schachteln wird ausgeladen, und die nächste Stunde
vergeht Pizza-essend und plaudernd.
Gegen 7 Uhr abends werden wir wieder von Gordon und Eric vom
International Center zum Campus zurückgefahren (sie arbeiten
wohlgemerkt sonntags) und Gabi und ich nutzen den restlichen Abend
zum Studieren.
- 30.10.95: Studieren, Tanzen, Arbeiten. Die Erkältng
ist so weit zurückgegangen, daß ich mich wieder wohl fühle.
Das muß natürlich gleich wieder mit einer Strapaze gefeiert
werden: ich schwinge mich im strömenden Regen im Poncho auf's
Fahrrad und mache mich auf die Suche nach UPS, um das Paket mit den
Becker-Bier-Dosen endlich abzuschicken.
UPS hat seinen Stützpunkt in Columbia bei 2501 Vandiver Drive East.
Was natürlich nicht so informativ ist, daß man genau wüßte,
wohin man radeln muß.
Als ich endlich ankomme, bezahle ich rund sechs Dollar Porto für das
Päckchen, in dem immerhin zwei Dosen und eine Flasche Bier, ein Brief
und jede Menge Papierbällchen sind.
Auf dem Rückweg - diesmal wesentlich kürzer über die
'Paris Road' - halte ich noch kurz bei einem der Ramschläden und
kaufe ein Kartenspiel und ein paar dekorative Sachen für mein Zimmer.
- 31.10.95: Morgens bei den Journalisten tun wir das Übliche:
gucken, wer von den anderen Zeitungen schon 'News' online hat und Links
darauf setzen. Nachmittags klettern wir an der Kletterwand im
Recreation Center, weil es
draußen a) regnet und b) dank der Zeitumstellung ohnehin nicht
mehr viel Tageslicht übrig bleibt.
Gegen sieben Uhr bin ich wieder zu Hause, und Chris, Kristie, Adam und
Lesa sind kräftig das Haus am Dekorieren. Ich helfe mit, putze
das Bad (was seit Wochen überfällig ist) und hänge Girlanden,
synthetische Spinnenwegen, Spinnen und anderes Getier auf. Adam und Chris
bauen im Vorgarten ein Holzkreuz mit angeschlagenem Skelett auf und
montieren zwei je zwei Meter hohe Fackeln (bestehend aus dem Stamm des
Ex-Vorgarten-Baums, Mullbinden und Leichtbenzin) neben dem Treppenaufgang
von an der Straße. Die Fenster des Hauses sind schon seit ein
paar Tagen mit Brettern vernagelt, und nachdem wir rote Glühbirnen
in alle Räume geschraubt haben, sieht das Haus wirklich zum
Fürchten aus.
Einziges alkoholisches Getränk des Abends ist Punch. Damit er
billig bleibt, dient mal wieder Everclear
als Basis - wie auf der Party Anfang September. Diesmal ist der Punch aber
ganz ohne Früchte, nur Getränkepulver, Wasser, Zucker und eben
Everclear und ein Schuß Rum.
Gegen halb elf kommen die ersten Gäste: Christie Klein und eine
Freundin, verkleidet (bzw. entkleidet) als Gogo-Girls. Kristie und ein
paar ihrer Sorority-Schwestern
tauchen auf und verschwinden in Chris' Zimmer, um sich zu verkleiden.
Gabi wird Hexe: sie zieht sich schwarz an, , benutzt den Hut vom
Samstag und schminkt sich. Dazu noch den Reisigbesen
aus der Besenkammer, und fertig ist das Kostüm.
Ich selber verkleide mich als 'Landfill' (Müllhalde). Die
Idee hatte ich schon eine Weile im Kopf - warscheinlich waren meine
amerikanischen Mitbewohner nicht unbeteiligt an ihrem Entstehen.
Ich stülpe mir einen braunen, großen Müllsack über
den Kopf und lasse ihn von meinen Schultern herabhängen. Dazu
kleide ich das linke Bein in einen weißen Plastiksack, das rechte
in eine klare Folie und eine beige Plastiktüte. Der linke Arm wird
in Alufolie gewickelt, und um Beine und Arme streife ich genügend
Gummibänder, um anderen Müll daran zu befestigen. Die
Kopfbedeckung besteht aus der unteren Hälfte einer vier-Liter-
Milchflasche, auf die ein McDonalds-Trinkbecher geklebt ist. Als
Accessoirs dienen ein Ledergürtel, in den ich einige zerdrückte
Getränkedosen einklemme. Das Gesicht beschmiere ich wild in Schwarz,
Blau und Grün. Dazu klebe ich noch runde Buttons aus neon-gelbem
Papier mit Sprüchen wie 'Recycling is rubbish', 'Use
plastic!' oder 'Landfill lover' rund um mich auf die Plastikfolie.
Der eigentliche Clou des Kostüms sind aber die Gummibänder:
da Müllhalden ständig wachsen, werde ich auf der Fete
'rumliegenden Müll einsammeln und an den Gummibändern
festmachen.
Als ich endlich fertig bin, ist unten due Fete schon voll im Gange:
die beiden Facheln sind angezündet, etwa 15 kost&umml;mierte
Leute posieren auf der Verandatreppe im Feuerschein und der Punch
macht die Runde. Adam hat sich in Lederhose, Stahlkette, Schweißermaske
und Umhang geworden, Chris sich als AC/DC-Man geschminkt und Lesa als
Metapher (das heißt, die hat diverse Metaphern wie 'Die Augen sind
die Fenster zur Seele' in Kostümteile umgesetzt) verkleidet.
Dazu haben wir eine Horde Klingonen, diverse Star-Trek-Figuren,
mehr oder weniger bekleidete Frauen, einen Weihnachtsmann und viele
mehr. Die Party dauert bis etwa drei Uhr morgens (was für eine Party
mitten in der Woche gar nicht schlecht ist).
Natürlich kamen von den Leuten aus den Wohnheimen, die wir eingeladen
hatten mal wieder nur ein Bruchteil. Man scheint dort recht faul zu werden.
Dafür kommen nach 1 Uhr nachts aber noch recht viele Leute auf ihrem
Heimweg vom 'Blue Note' vorbei - teilweise kostümiert und in guter
Laune.
Inzwischen gibt es auch die Fotos zur
Halloweenparty.
Weiter zum November.
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