4.Februar 1996

Abenteuer Amerika

Sammelsurium - Kommentare, Beobachtungen und so, die sonst nirgendwo hinpassen

Naja, die Überschrift sagt es eigentlich, aber nochmal auf gut Deutsch: hier liegen die 'Sägespäne' der Tagebuchschreiberei. Ungeordnet. Unzensiert. Ungelesen?

Betteln verboten - außer es geht ums Geld

Bettler haben 'Arbeitsverbot' auf dem Campus der University of Missouri-Columbia. Die stören das Bild, als weg damit. Nicht, daß man damit seine Ruhe vor Belästigungen hätte: die Wöchentliche Ausgabe des 'Add Sheet', einer komerziellen Werbeanzeigenzeitung wird von Drückern auf dem gesamten Campus den Studierenden aufgedrückt (wobei dies zum Einen kostenlos ist und zum Anderen sind die Drücker Patienten einer Entzugs- und Resozialisierungseinrichtung für ehemalige Abhängige). Wesentlich nerviger sind jedoch eine andere Sorte Bettler: die Kredit- oder Telefonkartenhaie. Sie stehen mit ihren Tischen am Anfang des Semesters auf dem Campus, schreien einem 'Free T-Shirt! Just sign up!" entgegen und werfen einem ein T-Shirt um den Hals, wobei man ein Schreibbrett mit Kreditkartenvertrag unter die Nase gehalten bekommt. Ich geb's zu, nicht alle dieser WerberInnen sind so aufdringlich, aber das ist mir mindestens vier Mal passiert. Betteln um meine Unterschrift ist also erlaubt, solange eine Firma dahintersteckt, die die Universität für das Privileg der Belästigung bezahlt.
Eine kleine Beobachtung am Rande: wenn man Ausländer ist, keine Kreditgeschichte in den USA hat und am Besten auch keine Kreditkarte in Europa sein Eigen nennt, kann man stapelweise T-Shirts einsammeln, bekommt aber eher selten eine Kreditkarte, außer man kämpft darum.

Mehr Festplattenplatz

Wem die paar Megabyte auf SHOWME nicht reichen, um seine Daten abzuladen, kann im Heinkel-Building Kennungen für den SGI-Cluster beantragen. Dort gibt es 10MB Plattenplatz und Unix-Workstations. Die Rechner stehen im Physics Lab und im General Classroom Building, sind aber auch per Netzwerk erreichbar.

Kein Drink unter 21

In Missouri, wie in den meisten anderen amerikanischen Bundesstaaten, gibt es keinen Alkohol unter 21 Jahren - obwohl man mit 18 schon volljährig ist und mit 16 Autofahren darf. Das geht so weit, daß man Lebensmittelmärkte von Alkohol befreit und im selben Gebäude in einem seperaten Laden die Spirituosen handelt. Dort muß man ständig Ausweise vorzeigen, um zu beweisen, daß man alt genug ist. Und wenn die Verkäfer schlechte Laune haben (zum Beispiel passiert im Osco Drugstore), erkennen sie keine ausländischen Pässe an - eghal, wieviele amerikanische Einreisestempel darin sind.
Schlimmer ergeht es Jugendlichen, die jünger als 21 sind undd mit Alkohol auffallen: nicht nur, daß es in Columbia die 'Open Container Law' gibt, nach der man bestraft wird, wenn man in der Öffentlichkeit Alkohol trinkt oder offene (daß heißt: unverhüllte) Behälter mit Alkohol mit sich herumträgt, es gibt das Delikt 'Minor in Possesion'. Wer erwischt wird, wird festgenommen, angeklagt und kann mit Geldstrafen um die 300 Dollar und Arbeitsstunden rechnen.
Wer betrunken beim Autofahren erwischt wird, zahlt ein paar Dollar, und falls er irgendwann einmal den Führerschein entzogen bekommt, macht er einen neuen zum Preis von weniger als 50 Mark. Immer auf die Kleinen, wie es scheint.
In größeren Städten ist es gängige Praxis, da&sdzlig; Kneipen Türsteher haben und niemanden ohne Ausweis und ausreichendem Alter herein lassen. Man kann also von mir aus in Downtown San Francisco wohnen - solange man nicht 21 ist, geht man an die Saftbar oder bleibt zu Hause und guckt Video oder hängt in Gruppen auf der Straße rum. Beliebt ist bei den frischgebackenen AutofahrerInnen auch das 'Crusing', wo man sich ab 16 ein Auto besorgt, und den ganzen Samstagabend die In-Meile der Stadt auf- und abfährt, allen Bekannten (vorzugsweise denen ohne Auto) zuhupt und dabei Cola trinkt und die Autostereoanlage dröhnen läßt.

Pfand für die Homeless

In Amerika gibt es Pfand auf fast alle Getränkebehälter, seien es Plastikflaschen, Bierdosen oder Sixpacks - man glaubt es kaum. Das ist zwar kein Bundesgesetz, aber immer mehr Landkreise verordnen das Pfand mangels Deponieplatz. So auch in Columbia: man zahlt fünf Cents Pfand pro Behälter. Nicht, daß dies sonderlich zur Rückgabe motiviert: die Mülleimer in den Straßen und der Universität sind voller leerer Dosen und Plastikflaschen.
Nun hat Coca Cola allerdings auch einen schäbigen Trick gefunden, sich aus der Affäre zu ziehen und auch noch das Pfand zu kassieren: die Getränkeautomaten kassieren fünf Cents mehr als der eigentliche Verkaufspreis beträgt, und dafür klebt ein Schild auf den Automaten: das Pfand wird bei Rückgabe der leeren Dose am Firmensitz erstattet - und der liegt - man ahnt es - im Industriegebiet am A*sch der Welt.
Recycling findet trotzdem statt - manche nennen es auch das soziale Netz Nordamerikas. Die Homeless People - Obdachlose, Penner, überzeugte Nicht-Seßhafte - sind den ganzen Tag über mit Plastiktüten voller leerer Dosen anzutreffen, die sie aus den Mülleimern wühlen und von der Straße auflesen, die sie dann in die Supermärkte tragen, um den Pfand zu bekommen. Eine Fotoreportage über die Obdachlosen in Columbia gibt es übrigens auf der Homepage einer Fotojournalistin.


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Lothar Fritsch, fritsch@fsinfo.cs.uni-sb.de, PGP-Public-Key