26.Februar 1996

Abenteuer Amerika

Wie eine Vorlesung abläft

Dieser Text behandelt Vorlesungen, Vorlesugsstil und -organisation an der University of Missouri-Columbia aus Sicht eines Studenten. Die Darstellung erhebt selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und beschreiben wird, was im Kontrast zu Vorlesungen an der Universität des Saarlandes erwähnenswert erscheint und dient in erster Linie dazu, Studierenden, die an der Teilnahme am Austauschprogramm zwischen den beiden Universitäten interessiert sind, ein paar Anhaltspunkte zu geben, was sie erwartet. Wird im folgenden Text von 'der Universität' berichtet, so ist diejenige in Columbia gemeint.

Die Gesamtorganisation

Die Vorlesungen in Columbia sind nach Fachbereichen getrennt und durchnummeriert. Im Vorlesungsverzeichnis hat jede einzelne Veranstaltung eine eindeutige 'Reference-Number', und zusätzlich eine laufende Nummer im jeweiligen Fachbereich. Die Liste ist nach letzteren Nummern aufsteigend geordnet, und wenn Studierende über Vorlesungen reden, benutzen sie meistens die Nummern und nicht die Namen. Die Frage, ob man 'J369' belegt meint beispielsweise, ob man an der School of Journalism Kurs 369 - New Media - belegt.
In Vorlesungen muß man sich zu Anfang des Semesters einschreiben, und in der Regel gibt es eine von vornherein feststehende Anzahl von Plätzen in einer Vorlesung. Diese kann zwar überschritten werden, das bedarf aber eines gewissen bürokratischen Aufwandes (siehe Consent Cards.

Rahmenablauf einer Vorlesung

Zur ersten Vorlesung begibt man sich in seinen Hörsaal. Wenn es nicht gerade die beliebten Anfängervorlesungen in Mathematik sind, handelt es sich dabei eher um Klassenzimmer mit 15 bis 50 Plätzen.
Der oder die DozentIn taucht auf, vergleich die Liste der registrierten Studierenden mit denjenigen, die anwesend sind, und verteilt daraufhin den sogenannten Syllabus. Dabei handelt es sich um eine Zusammenfassung des Kursablaufs, des Kursinhalts und eventuell bereits der Klausurtermine. Dieses Papier sieht von Dozent zu Dozentin verschieden aus, enthält aber immer folgende Eckdaten: Voraussetzungen zur Teilnahme am Kurs, Name, Telefon und Sprechzeiten des Lehrenden, Inhalt des Kurses, Literaturangabe zum Kurs sowie einen Überblick über die zu erbringenden Leistungen und wie sich verschiedene Aufgaben auf die Note auswirken. Das sieht beispielsweise so aus:

        Homework         5%
        4 Projects at   15% each
        Midterm	        15%
        Final           20%
'Midterm' meint Klausuren, die irgendwann im Semester geschrieben werden, und 'Final' steht für das 'Final Exam' am Ende.
Manche DozentInnen geben auch detailliert an, wann genau was behandelt wird. Dies ist vor allem Praxis bei Seminaren. Der Syllabus von Electronic Photojournalism ist ein Beispiel.
Hausaufgaben werden entweder aus der Literatur aufgegeben oder vom Lehrenden gestellt. Unter 'Projects' wird immer irgend etwas verstanden, was von Studierenden in Eigenarbeit erledigt wird. Bei Informatikvorlesungen sind dies größere Programmieraufgaben, die im Zeitraum mehrerer Wochen zu erledigen sind. Bei den Journalisten werden komplette Recherchen, Fotoessays oder Multimediadokumente verlangt.
Die Vorlesungsliteratur - hier 'textbooks' genannt - ist anders, als man es aus Deutschland kennt. Hier gelten nicht B¨cher, die nach Möglichkeit nur aus Text und kompakten Formeln bestehen als gute Lehrbücher, sondern Illustrationen, Beispiele und ein geschicktes Heranführen der Studierenden an den Stoff sind wichtig. Das hat allerdings seinen Preis: ein einziges Buch über Datenbanken kostet siebzig Dollar, und als Informatiker kommt man dabei noch billig weg: Studierende der Psychologie tragen Stapelweise Bücher aus dem Buchladen und lassen gut und gerne dreihundert Dollar dort.
Doch zurück zur Vorlesung. Dort wird je nach Stoff, Vorliebe und Fähigkeiten der Lehrenden verfahren: Folien auflegen, Reden und Nachlesen im Buch oder Tafelbilder - alles ist dabei bis hin zur Multimediapräsentation (die Journalisten haben ein Faible für so etwas - allerdings haben sie auch das neuste Gebäude mit der dollsten, wenn auch nicht ganz absturzsicheren Technik).
Am Ende des Semesters gibt es einen 'Stop-Day', üblicherweise ein Freitag. Hier enden alle Vorlesungen, und am nächsten Tag fängt die 'Finals Week' an - die Woche, in der alle 'Finals' geschrieben werden. Wenn man Glück hat, verteilen sich die Klausuren einigermaßen gut. Die Termine werden allerdings von den Fachbereichen festgelegt, und so kann es passieren, daß man zwei 'Finals' an einem Tag hat. Bei dreien am selben Termin hat man Recht auf Nachbesserung der Termine.
Nach der 'Finals Week' sind Ferien - richtige Ferien. Die Universität wird dichtgemacht, und die Noten des Semesters werden per Post an die Studierenden geschickt.

Klausuren

Wer hat Angst vor einer Multiple-Choice-Klausur? Jedenfalls denkt man als erstes daran, wenn man von Klausuren im Zusammenhang mit den USA spricht. In der Tat sind MC-Klausuren hier durchaus beliebt, das hei^ßt aber noch lange nicht, daß man sie durch logisch fundiertes Ausstreichen falscher Lösungen so einfach besteht wie die deutsche theoretische Führerscheinprüfung.
Das Design der Klausur ist Aufgabe des/der Dozenten. Alle Arten von Fragen kommen vor, und manchmal werden auch stichwortartige Antworten erwartet.

Es gibt die sogenannten 'Midterms', und damit sind die Klausuren gemeint, die irgendwann während des Semesters geschrieben werden. Üblicherweise konzentrieren sie sich um zwei Wochen in Semestermitte, es gibt aber auch Kurse, die mehr als ein 'Midterm' schreiben.
Am Ende des Semesters ist die 'Final Week', die mit dem nächsten Tag nach dem 'Stop Day', dem letzten Vorlesungstag, beginnt. Die 'Finals' sind die Abschlußklausuren, und deren Termine werden von den Fachbereichen festgelegt, so daß es durchaus passieren kann, daß man zwei davon am selben Tag schreiben muß. Und natürlich sind alle Studierenden während der 'Midterms' und der 'Finals Week' noch gestreßter als sonst und haben gar keine Zeit mehr für sonstige Aktivitäten.

Kursalltag

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Lothar Fritsch, fritsch@fsinfo.cs.uni-sb.de, PGP-Public-Key