29.Februar 1996
Das Haus in der neunten Straße
Herzlich willkommen zu einem Rundgang durch und um das Anwesen 308 North
9th Street in Columbia, MO 65201, USA.
Bei dem Gebäude handelt es sich um ein viele Jahrzehnte altes,
zweistöckiges Holzhaus. Es hat einen geräumigen Keller und einen
Dachboden.
Die Fassaden sind mit dicker, grauer Holzschutzfarbe angestrichen, die inzwischen
aber etwas in die Jahre gekommen und rissig ist und ein wenig abbröckelt.
Das Haus ähnelt im Stil dem bekannten 'Psycho'-Haus aus Alfred Hitchcocks
Thriller. An der Vorderfront, nach etwa drei Metern Rasen und einem großen,
alten Baum (vor kurzem waren es noch zwei Bäume, aber während einer
Fete haben Adam und Chris den kleineren der beiden abgebrochen) gelangt man
über die Treppe auf die überdachte Veranda. Rechterhand ist ein
kleiner Erker zu sehen,
und im ersten Stock wiederholt sich dieses architektonische Merkmal.
Durch die Tür gelangt man in die Eingangshalle, zur linken Hand führt
eine knarrende Holztreppe in das obere Stockwerk, rechts befindet sich das Wohnzimmer, in dem
mit viel leerer Fläche ein paar alte Polstermöbel und eine alte
Waschmaschine, die nun als Tisch dient, gruppiert sind.
Geradeaus gelangt man - vorbei an der Tür zur Kellertreppe - in die
geräumige Küche. Ein Küchentisch, eine doppelte Spüle,
Backofen, Mikrowelle, vierflammiger Herd und ein riesiger Kühlschrank
mit separatem Gefrierabteil stehen zur Verfügung.
Links an der Rückwand der Küche befindet sich ein kleiner Vorratsraum
mit Regalen und einem Fenster zum Hof. Daneben ist die Hintertür, die
hinaus auf den Hof führt, und zur Rechten führt eine Tür in
Lesa's Zimmer - einem sehr großen Zimmer mit eigenem kleinen Bad und einer
weiteren Tür, die in das Wohnzimmer führt.
Der Hof besteht aus einer geschottertern Fläche und Zufahrt, die links
neben dem Haus entlangführt. Ein großer Schuppen schließt
sich links an den Schotter an, und rechts davon ist ein überwucherter
Grünstreifen, der vor einiger Zeit einmal als Gemüsebeete diente.
Hinter dem Schotterplatz - der als Parkplatz dient - findet sich noch ein
Grünstreifen, der ebenfalls aum Anwesen gehört.
Wenden wir uns nun dem Obergeschoß zu. Die Treppe, die von der
Eingangshalle her aufsteigt, wendet sich zweimal nach rechts, und wenn man die
oberste Stufe erreicht, steht man in einer kleinen Halle mit fünf
Türen. Die Tür zur Rechten - reichlich dekoriert mit Katzenbildern
aller Art - führt in Gabis Zimmer. Es ist ein recht kleiner Raum, der
gegenüber der Tür ein Fenster hat. Rechts hinten in der Wand eingelassen
ist der übliche Kleiderschrank. Links an der Wand das Bett, und in der
rechten Hälfte des Raumes sind vor dem Bett noch etwa eineinhalb Meter
Platz. An der Wand zur Rechten, direkt neben der Tür befindet sich eine
kleine Schreibplatte - selbst montiert durch die Bewohnerin, da für einen
Schreibtisch kein Platz mehr war.
Die Tür genau gegenüber der Treppe führt in Chris' Zimmer. Beim
Klopfen sollte man genau aufpassen, wohin man klopft: die Enden einiger
Schrauben - Nebenwirkung der Montage eines Riegels auf der Innenseite der
Tür - schauen einige Millimeter aus der Tür heraus.
Chris' Zimmer ist etwa von der Größe des Wohnzimmers - so etwa fünf
mal drei Meter. Er hat ein großes, teures fanzösisches Bett,
Stereoanlage (sehr potent - Verzeihung, wohlklingend), Computer, Klimaanlage,
Teppiche, schnurloses Telefon und andere Annehmlichkeiten. Dieses Zimmer
hat dank seiner Ecklage mehrere Fenster - einige davon im Erker des
Obergeschoßes, den man rechts oben im Foto sieht.
Links neben Chris' Zimmer befindet sich dasjenige von Adam. Es ist etwas kleiner
als das von Chris oder Lesa. Adam hat die Wände schwarz angestrichen und
einige große Bildhauereien im Zimmer stehen: eine griechische Säule
von etwa einem Meter Höhe, darauf die Büste einer griechischen
Göttin; gegenüber einen großen, indischen Elefanten. Adam
begnügt sich mit einer auf dem Boden liegenden Matratze als Schlafstatt.
Der Boden ist mit einem schönen, weichen, roten Tepich ausgelegt.
Ansonsten ist er mit einigen Schränken, einer Steroeoanlage mit einem
100-fach CD-Wechsler und 80 CD's und seinem Auto - einem Cabriolet - recht
zufrieden.
Wendet man sich von Adams Tür beim Verlassen des Raumes nach Rechts,
steht man vor Lothars Zimmer. Hier ist der Kleiderschrank nicht in die Wand eingelassen,
sondern nimmt als rechteckiger Einschub in der rechten, hinteren Ecke - von der
Tür aus gesehen - seine zwei Quadratmeter Bodenfläche weg. Der Fußboden
ist wie im ganzen Haus aus Holz - dicke, alte Bohlen. Der Raum hat - gelegen in
der hinteren, rechten Ecke des Hauses - in jeder Außenwand ein Fenster.
Linkerhand der Tür ist ein Regal mit zwei Brettern an der Wand montiert,
von denen das untere als Schreibfläche dient. An der linken Wand erstreckt
sich fast über die ganze Länge des Raums eine etwa 30 Zentimeter
breite Ablage, die zuf zwei mächtigen Betonsteinen ruht. Die linke, hintere
Ecke des Raumes wird von zwei nebeneinander liegenden Matratzen eingenommen.
Rechterhand an der Wand steht ein großer Standventilator, ein Stapel Schuhe
und eine Wäschetonne. Die Wände sind mit verschiedensten Postern
dekoriert, von Werbung bis zu surrealistischen Gemälden (beziehungsweise
Postern davon).
Letzter Raum des ersten Stockwerks ist das Badezimmer. Gelegen neben Lothars
Zimmer und vor dem Treppenhaus, gibt es hier eine Badewanne mit Dusche, eine
Toilette und ein Waschbecken. Daneben einen kleinen Spiegelschrank.
Das Bad wurde an dieser Stelle nachträglich installiert - der Boden ist
mit PVC bedeckt, und die Badewanne ist eine große metallene Wanne, die
auf gußeisernen Füßen steht. Wenn man den Duschvorhang nicht
sauber schließt, wird das auf den Boden spritzende Wasser sofort abgeleitet,
damit es keinen Schaden anrichtet: es fließt über den Bodenbelag
hinaus und regnet in die unter dem Bad liegende Küche auf den beschichteten
Küchentisch, der wesenlich einfacher zu reinigen ist als der Boden im
Badezimmer. Außerdem tropft, nein läft das Wasser aus dem Hahn der
Wanne, und zwar ungefähr zwölf Wannen pro Tag. Das beeindruckt aber
niemanden, denn die Wasserrechnung für das gesamte Haus beträgt
zwanzig Dollar.
Da die altmodischen Schiebefenster mit Holzrahmen nicht besonders winddicht sind,
wurden von außen auf die Fensterrahmen große Aluminiumrahmen
montiert, die drei Elemente enthalten: zwei Fensterscheiben und ein Fliegengitter,
die man in dem Alurahmen hin- und herschieben kann. 'Sturmfenster' werden diese
Konstruktionen genannt. Das wären sie auch, wenn man den Alurahmen gegen den
Holzrahmen abgedichtet hätte (was nun den BewohnerInnen zu tun bleibt, wenn
der Winter kommt). Leider halten sich die Holzschiebefenster nicht mehr ganz
an der Stelle, an die man sie schiebt - weshalb die Verwendung von Holzlatten
zur Offenhaltung der Fenster durchaus populär ist.
Der Keller bietet viel Raum zum Abstellen von Gerümpel. Überraschenderweise
ist er so gut wie leer. Einige kleine Seitenräume zweigen Platz von dem
ansonsten großen Mittelraum ab. Die Heizung - eine einfache Gasheizung,
die durchlaufendes Brauchwasser erhitzt und einen Strom heißer Luft
in alle Zimmer bläst (die dafür jeweils ein Luftrohr und ein Gitter
mit der Austrittsöffnug in der Wand haben) - steht am Rand des Hauptraumes.
Ein paar alte Teppiche liegen hier, und farbige Glühbirnen sind in die
Fassungen geschraubt - bei Feten steht hier unten traditionell das Bierfaß.
Fetenfest ist auch das Verandadach - von Chris' oder Gabis Zimmer aus kann man aus
dem Fenster auf das Verandadach steigen und sich
dort hinsetzen. Es ist bis jetzt niemand betrunken vom Dach gefallen und die
Tragkraft in Personen ist bislang unbekannt. Bei warmem Wetter bietet sich abends dem
Passanten oder der Passantin folgender Anblick: im Erdgeschoß sind
rote Glühbirnen in die Fassungen geschraubt, alle Fenster und Zimmer
glühen dunkelrot. Auf dem Verandadach scharen sich junge Leute und winken
mit Bierdosen und -flaschen den Leuten auf der Straße zu, während
aus Chris' Zimmer laute Rockmusik dröhnt.
Die Bewohner - auf einen Blick - sind folgende:
- Adam Plevyak - 21 Jahre, Sekretär und eine Art Mädchen für alles bei einer Versicherung.
- Chris Thogmartin - 19 Jahre, Student.
- Lesa Baumgarder - 20 Jahre, Studentin.
- Lothar Fritsch - 25 Jahre, Austauschstudent.
- Gabi Mouty - 23 Jahre, Austauschstudentin.
Wer einen genaueren Blick auf das von Gabi gezeichnete Hintergrundbild der
HausbewohnerInnen werfen möchte, der klicke hier!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, unsere Tour ist jetzt beendet und
Sie können sich jetzt an unserem Buffet in der Küche erfrischen.
Ein Nachtrag aus dem Winter
Die Kälte pfeift durch die Ritzen zwischen Fenstern und Fensterrahmen.
Im Bad friert der Wasserdampf aus der Dusche in dicken Schichten am Fenster
fest. Draußen ist es irgendwo zwischen minus zehn und minus
fünfundzwanzig Grad Celsius kalt und der Wind bläst ums Haus.
Die Eingangshalle und das Wohnzimmer sind unbewohnbar, dank nicht vorhandener
Wärmedämmung und alter Fenster. Pappstreifen sind in die Haustürritzen
genagelt, um dem Wind Einhalt zu gebieten. Die Luftgitter der Heißluftheizung
im Foyer und im Wohnzimmer sind mit Brettern bedeckt, damit die Luft statt hier in
den Schlafzimmern ausströmt. Einige Fenster sind mit Folie und Gewebeband abgedichtet,
und gelegendlich fällt die Heizung aus - weil der Wasserdampf im Abgas im Schornstein
kondensiert, zurückfließt und friert. Es liegt ein wenig Schnee, die Küche
heizen wir mit dem Backofen, und die monatliche Gasrechnung ist auf fast 250 Dollar
geklettert. Die Heizung schaltet sich - von den Störungen mal abgesehen - erst gar
nicht mehr ab.
Zum Glück hält die extreme Kälte nie lange an, sie kommt immer nur in
Intervallen von einigen Tagen. Rekord bislang: zehn Tage am Stück.
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Lothar Fritsch, fritsch@fsinfo.cs.uni-sb.de