20.Oktober 1995

New York City auf eine Tasse Kaffee

Zwischen zwei Flügen kurz nach Manhattan

New York City Skyline

Bei der Anreise nach Columbia am 9.August 1995 ergab sich eine fast fünfstündige Unterbrechung des Fluges, weil der Anschlußflug erst abends um 20 Uhr weitergehen sollte, Gabi und ich aber bereits gegen 14 Uhr in New York/Newarc landeten.
Nachdem wir das Gepäck für den Flug nach St.Louis abgegeben hatten, überlegten wir, was wir mit der Zeit anfangen sollten. Im Flughafen gab es einen Schalter zum Thema 'Public Transport' und Hotels, und dort bekamen wir die Auskunft, daß direkt neben der Abfertigungshalle der Busbahnhof mit den Flughafenshuttlebussen und den Haltestellen aller Busunternehmen sei.
Wir fanden den Busbahnhof schnell (es gibt an jedem Terminal einen), studierten Fahrpläne und ließ uns vom Kartenverkäufer - einem Latino - den Fahrplan erklären. Der Bus pendelt vom Flughafen nach Manhattan und zur¨ck - mit einer Haltestelle direkt vorm World Trade Center. Die Tickets kosteten sieben Dollar für einen Weg, so daß wir pro Person vierzehn Dollar für den Bustransport ausgaben.
Die Busfahrt ging entlang des Hudson River, vorbei an Hafen- und Industrieanlagen nach Norden, wobei zur Rechten die Skyline von Manhattan schön zu sehen war. Hier entstand auch das obige Panorama-Bild, aufgenommen durch die Fensterscheibe des Busses. Weiter ging es über eine Brücke in Richtung Osten, auf Manhattan zu. Schließlich fuhr der Bus noch durch einen kilometerlangen Tunnel, um direkt in Manhattan wieder ans Tageslicht zu gelangen.
Hier waren die Gebäude weitgehend aus roten Ziegelsteinen gebaut und keine Wolkenkratzer, eher große Gebäude mit bis zu 15 Stockwerken. Dazwischen - wild zusammengewürfelt - kleine Häuser, Industriehallen, Tankstellen, kleine Geschäfte oder einfach nur Ruinen. Besonders gepflegt konnte man keinen der Straßenzüge nennen: die Kopfsteinpflasterstraßen holprig, die Fassaden grau und verfallen, der gesamte Anblick eher grau-braun als strahlend sauber. Es erinnerte mich irgendwie an einige der schlechteren Seitenstraßen von Prag oder an den Zustand von Dresden, Leipzig oder anderer DDR-Städte bei einem Besuch im Sommer 1991.
Schluchten zwischen Wolkenkratzern Der Bus fuhr weiter, jetzt gen Süden und fand sich plötzlich in einem Meer von Wolkenkratzern wieder. Breite, spiegelverglaste Fassaden bedeckten den Hoizont, die Straßen und Fassen wirkten wesentlich gepflegter, allgemein stank es förmlich nach Geld. Die Grenze zwischen dem eher verfallenen Stadtteil und den hochglanzpolierten Türmen ist plötzlich, ohne fließenden Übergang - eben waren wir noch auf einer holprigen Straße.
Die Artefakte menschlichen Konzentrationsdrangs sind so hoch, daß wir aus dem Bus heraus das obere Ende vieler der Gebäude nicht mehr sehen konnten. Zwischen den monumentalen Betonblöcken klaffen tiefe Schluchten, wie mit einer Säge in einen Fels geschnitten - die Straßenzüge. Irgendwo enden die Schluchten an der Fassade des nächsten Klotzes, der aus einer gewissen Entfernung irgendwie wie ein übergroßer Legostein aussieht. Dazwischen tummeln sich Autos - auf bis zu sechs Spuren stehen sie Schlange und warten auf die Gnade der Ampel - und Menschen, die beim Blick in die Seitenschluchten irgendwo als unauffällige kleine Punkte zu Fuße der mächtigen Klötze herumtummeln.
World Trade Center Der Bus hielt direkt gegenüber dem Eingang des "World Trade Center" - einem Zwillingspäarchen der größten der Steintürme überhaupt. Ausßerhalb des Busses wirken die Giganten um einem herum noch viel stärker, bedrängender: man fühlt sich winzig klein. Das "World Trade Center" muß man sich aus mindestens einer viertel Meile Entfernung anschauen, sonst ragt die Spitze des Gebäudes aus dem Blickeld. Der Blick in die Straßenschluchten verursacht Schwindel - die gewohnten Proportionen scheinen aus den Fugen geraten zu sein. Zu groß sind die angrenzenden Bauten, als daß man Menschen oder Autos noch richtig wahrnehmen würde.
Trotzdem haben vor allem die älteren Bauten ihren Reiz: sie sind reichlich verziert mit Bildhauerei, Kapitellen, Figuren, Bögen und so weiter. Leider zumeist in einer Höhe, in der man vom Boden aus keine vernünftigen Fotografien machen kann.
Die Skyline an Manhattan's Südspitze Gabi und ich wanderten weiter Südwärts, auf die Spitze der Manhattan - Halbinsel zu. Dort steht, eine Meile oder auch zwei von der Südspitze entfernt, die Freiheitsstatue auf ihrer kleinen Insel im Wasser der Bucht. Natürlich werden Fahrten dorthin angeboten, aber wir wollten es nicht riskieren, unseren FLug zu verpassen. Statt dessen setzten wir uns ans Ufer, genossen den Blick auf das gegen die Sonne schimmernde Meer und die am Horizont stehende "Statue of Liberty" und aßen ein Eis. Die Hochhäuser - hier nicht mehr ganz so hoch und eng beieinander - stehen praktisch bis ans Ufer. Obiges Bild ist vom Parkplatz kurz vor der Pier der Fährschiffe zur Freiheitsstatue aus aufgenommen.
WTC und Gabi Die Zeit verstreicht - subjektiv schneller als im Flugzeug über dem Atlantik - und wir machten uns auf, eine Tasse Kaffee zu trinken, bevor wir den Bus zurück zum Flughafen nehmen. Nicht weit von der Pier, in Richtung des "World Trade Center", fand sich ein asiatisches Cafe, und wir tranken Kaffee und aßen einen Salat. Bald darauf wurde es Zeit, zur Bushaltestelle zu gehen. Der Bus kam pünktlich und fuhr auf dem selben Weg, auf dem er nach Manhattan gelangte, wieder zurück - wieder über die plötzliche Grenze zwischen Eleganz und Sperrmüll.
Wir erreichten den Flughafen eine gute Stunde vor der geplanten Abflugzeit, nur um zu erfahren, daß die Maschine sich erheblich verspätet. C'est la vie, so gibt's noch einen Hamburger in der Abfertigungshalle und ein Nickerchen im Terminal.

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Lothar Fritsch, fritsch@fsinfo.cs.uni-sb.de