
Bei der Anreise nach Columbia am
9.August 1995
ergab sich eine fast fünfstündige Unterbrechung des Fluges, weil der
Anschlußflug erst abends um 20 Uhr weitergehen sollte, Gabi und ich aber
bereits gegen 14 Uhr in New York/Newarc landeten.
Nachdem wir das Gepäck für den Flug nach St.Louis abgegeben hatten,
überlegten wir, was wir mit der Zeit anfangen sollten. Im Flughafen gab es
einen Schalter zum Thema 'Public Transport' und Hotels, und dort bekamen wir die
Auskunft, daß direkt neben der Abfertigungshalle der Busbahnhof mit den
Flughafenshuttlebussen und den Haltestellen aller Busunternehmen sei.
Wir fanden den Busbahnhof schnell (es gibt an jedem Terminal einen), studierten
Fahrpläne und ließ uns vom Kartenverkäufer - einem Latino - den
Fahrplan erklären. Der Bus pendelt vom Flughafen nach Manhattan und
zur¨ck - mit einer Haltestelle direkt vorm World Trade Center.
Die Tickets kosteten sieben Dollar für einen Weg, so daß wir pro
Person vierzehn Dollar für den Bustransport ausgaben.
Die Busfahrt ging entlang des Hudson River, vorbei an Hafen- und Industrieanlagen
nach Norden, wobei zur Rechten die Skyline von Manhattan schön zu sehen war.
Hier entstand auch das obige Panorama-Bild, aufgenommen durch die Fensterscheibe
des Busses.
Weiter ging es über eine Brücke in Richtung Osten, auf Manhattan
zu. Schließlich fuhr der Bus noch durch einen kilometerlangen Tunnel, um
direkt in Manhattan wieder ans Tageslicht zu gelangen.
Hier waren die Gebäude weitgehend aus roten Ziegelsteinen gebaut und
keine Wolkenkratzer, eher große Gebäude mit bis zu 15 Stockwerken.
Dazwischen - wild zusammengewürfelt - kleine Häuser, Industriehallen,
Tankstellen, kleine Geschäfte oder einfach nur Ruinen. Besonders gepflegt
konnte man keinen der Straßenzüge nennen: die Kopfsteinpflasterstraßen
holprig, die Fassaden grau und verfallen, der gesamte Anblick eher grau-braun
als strahlend sauber. Es erinnerte mich irgendwie an einige der schlechteren
Seitenstraßen von Prag oder an den Zustand von Dresden, Leipzig oder
anderer DDR-Städte bei einem Besuch im Sommer 1991.
Der Bus fuhr weiter, jetzt gen Süden und fand sich plötzlich in einem
Meer von Wolkenkratzern wieder. Breite, spiegelverglaste Fassaden bedeckten den
Hoizont, die Straßen und Fassen wirkten wesentlich gepflegter, allgemein
stank es förmlich nach Geld. Die Grenze zwischen dem eher verfallenen
Stadtteil und den hochglanzpolierten Türmen ist plötzlich, ohne
fließenden Übergang - eben waren wir noch auf einer holprigen Straße.
Die Artefakte menschlichen Konzentrationsdrangs sind so hoch, daß wir aus
dem Bus heraus das obere Ende vieler der Gebäude nicht mehr sehen konnten.
Zwischen den monumentalen Betonblöcken klaffen tiefe Schluchten, wie
mit einer Säge in einen Fels geschnitten - die Straßenzüge.
Irgendwo enden die Schluchten an der Fassade des nächsten Klotzes, der aus
einer gewissen Entfernung irgendwie wie ein übergroßer Legostein
aussieht. Dazwischen tummeln sich Autos - auf bis zu sechs Spuren stehen sie
Schlange und warten auf die Gnade der Ampel - und Menschen, die beim Blick in
die Seitenschluchten irgendwo als unauffällige kleine Punkte zu Fuße
der mächtigen Klötze herumtummeln.
Der Bus hielt direkt gegenüber dem Eingang des "World Trade Center" - einem
Zwillingspäarchen der größten der Steintürme überhaupt.
Ausßerhalb des Busses wirken die Giganten um einem herum noch viel stärker,
bedrängender: man fühlt sich winzig klein. Das "World Trade Center"
muß man sich aus mindestens einer viertel Meile Entfernung anschauen, sonst
ragt die Spitze des Gebäudes aus dem Blickeld. Der Blick in die
Straßenschluchten verursacht Schwindel - die gewohnten Proportionen
scheinen aus den Fugen geraten zu sein. Zu groß sind die angrenzenden
Bauten, als daß man Menschen oder Autos noch richtig wahrnehmen würde.
Trotzdem haben vor allem die älteren Bauten ihren Reiz: sie sind reichlich
verziert mit Bildhauerei, Kapitellen, Figuren, Bögen und so weiter. Leider
zumeist in einer Höhe, in der man vom Boden aus keine vernünftigen
Fotografien machen kann.
Gabi und ich wanderten weiter Südwärts, auf die Spitze der Manhattan -
Halbinsel zu. Dort steht, eine Meile oder auch zwei von der Südspitze
entfernt, die Freiheitsstatue auf ihrer kleinen Insel im Wasser der Bucht.
Natürlich werden Fahrten dorthin angeboten, aber wir wollten es nicht
riskieren, unseren FLug zu verpassen. Statt dessen setzten wir uns ans Ufer,
genossen den Blick auf das gegen die Sonne schimmernde Meer und die am Horizont
stehende "Statue of Liberty" und aßen ein Eis. Die Hochhäuser -
hier nicht mehr ganz so hoch und eng beieinander - stehen praktisch bis
ans Ufer. Obiges Bild ist vom Parkplatz kurz vor der Pier der Fährschiffe
zur Freiheitsstatue aus aufgenommen.
Die Zeit verstreicht - subjektiv schneller als im Flugzeug über dem
Atlantik - und wir machten uns auf, eine Tasse Kaffee zu trinken, bevor wir
den Bus zurück zum Flughafen nehmen. Nicht weit von der Pier, in Richtung des
"World Trade Center", fand sich ein asiatisches Cafe, und wir tranken Kaffee
und aßen einen Salat. Bald darauf wurde es Zeit, zur Bushaltestelle zu
gehen. Der Bus kam pünktlich und fuhr auf dem selben Weg, auf dem er nach
Manhattan gelangte, wieder zurück - wieder über die plötzliche
Grenze zwischen Eleganz und Sperrmüll.
Wir erreichten den Flughafen eine gute Stunde vor der geplanten Abflugzeit,
nur um zu erfahren, daß die Maschine sich erheblich verspätet.
C'est la vie, so gibt's noch einen Hamburger in der Abfertigungshalle und ein
Nickerchen im Terminal.
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